Vor genau 66 Monaten habe ich entschieden, meinen damaligen Job in Deutschland zu kündigen und als Digitaler Nomade hinaus in die Welt zu ziehen. Der Job belastete mich stark. Außerdem hatte ich permanentes Fernweh. Ich las auf englischen Websites von diesen neuartigen Nomaden, und war sofort angefixt. Aber wie sieht die Sache 5 Jahre später aus?

Fünf Jahre später würde ich rückblickend nicht vieles anders machen. Jedoch hat sich mein Denken seither komplett verändert. Ortsunabhängigkeit ist mir immer noch wichtig. Jedoch habe ich gelernt, dass diese nicht zwangsläufig zu Zufriedenheit führt – sie kann auch genau das Gegenteil verursachen.

Wie ging es vor 5 Jahren los?

Das erste Jahr als Selbstständiger war hart. Ich schlug mich als Freelancer durch und fertigte technische Zeichnungen für Architekturbüros an. Meine 80qm Wohnung in der Kölner Innenstadt musste ich aufgeben und bin bei meinem damaligen Freund mit in die WG gezogen – die Art von WG, in der sich in der Küche Geschirr aus den letzten 3 Wochen stapelt.

Nach meiner Kündigung war ich permanent blank und musste mich in Sachen Lebensqualität noch einmal kräftig downgraden. Ich habe sogar trotz der gesenkten Kosten über meinen Verhältnissen gelebt und musste mir Geld leihen. Doch trotz des akuten Geldmangels habe ich die Sache weiter durchgezogen. Ich hatte ein Ziel und die Brücken hinter mir waren gedanklich längst abgebrannt.

Mitte 2013 ging es dann langsam immer besser. Ich hatte feste Auftraggeber und konnte sogar Arbeit an andere Freelancer abgeben. Auch mein Blog, auf dem ich von Anfang an meine Story festhielt, wurde nun häufiger gelesen und erreichte 10.000 Leser, dann 20.000. Nachdem auch 2014 mein CAD-Business immer besser lief, und ich mit 3 Freelancern arbeitete, konnte ich durchatmen. Als sich auch mein erstes Buch „Handbuch für ortsunabhängiges Arbeiten“ gut verkaufte, war das finanzielle Tal der Tränen überstanden.

Ich hatte mein vermeintliches Ziel, „Digitaler Nomade“ zu sein, erreicht. Ich hatte genug Einkommen, konnte ordentlich etwas zurück legen, und war örtlich komplett ungebunden.

Und nun? Ziel erreicht, happy End?

Nachdem das vermeintliche Ziel erreicht war, merkte ich schnell, dass zu viel Freiheit auch gefährlich werden konnte. Ich war viel in der Welt unterwegs, reiste umher, fühlte mich aber auch oft allein. Hier und da traf ich andere Nomaden. Jedoch hatte ich stets das Gefühl, dass auch sie ein wenig wie verlorene Seelen umher zogen, ohne wirklich einen Sinn in ihrem Reisen zu haben. Dieses Gefühl verspürte ich in mir selbst auch, und ich mochte es nicht. Andere Nomaden zu sehen, war für mich, wie in einen Spiegel zu schauen. Also vermied ich es irgendwann. Dabei waren nicht sie das Problem, sondern meine Einstellung zu mir selbst, und die Leere, die in mir immer größer wurde.

Ich merkte, dass ich einem Irrtum unterlag: Dass mein Leben auf magische Weise ganz toll werden würde, sobald ich meine nomadisch-finanziellen Ziele erreicht habe. Dies war nicht so. Ein neues Ziel musste her. Idealerweise ein Ziel, das weniger von Egoismus geprägt ist. Ortsunabhängigkeit und Freiheit sind nicht das Selbe, denn zu schnell wird man durch die Fülle der Möglichkeiten zum Getriebenen. Man schwebt durchs Weltall, ohne jede Verankerung zur Raumstation. Genau so fühlte ich mich: Lost in space.

Der Prozess, in welchem ich die ersten 3 Jahre steckte, machte mich glücklich. So hart er auch war. Aber ich hatte verpasst, ihn nach Erreichen des Ziels durch einen neuen Prozess, ein neues Ziel zu ersetzen.

Heute genieße ich weiterhin meine Ortsunabhängigkeit. Ich habe aber auch (örtliche) Anker zurück in mein Leben geholt. Denn ohne diese Anker kann ich mir keine neuen Ziele setzen. Und ohne Ziele kein Prozess.

Ich muss gestehen, ich bin noch auf der Suche, nach einem Ziel, dass mich genau so fesselt und begeistert, wie damals der Wunsch, als digitaler Nomade umher zu ziehen. Ein Ziel, dass mich noch einmal so sehr begeistert und antreibt, werde ich vielleicht auch nie wieder finden. Vielleicht wird diese Suche nie enden.

Ich warte aber nicht darauf, dass die Leidenschaft mich an der Bushhaltestelle abholt. Ich renne ihr mit offenen Armen entgegen. Hier und da winkt sie mir auch ab und zu mal aus der Ferne. Aber sie ist mir noch nicht so richtig in die Arme gelaufen.

Der Prozess ist Alles

Hast du schonmal Kinder am Strand beobachtet, wie sie eine Sandburg bauen? Egal, wie viel Mühe sie sich beim Bau der Sandburg gemacht haben, nachdem sie fertig sind, wird die Burg häufig wieder zerstört und es wird fleissig darauf herumgehüpft.

Die Erklärung hierfür ist recht logisch. Was sollen sie auch mit der fertigen Sandburg anfangen? Der Spaß war ja das Bauen selbst. Sich später vor die Burg zu setzen und sie stundenlang anzugucken, das macht ihnen sicher keinen Spaß. Der Prozess des Bauens war das, worum es hier ging.

Genau so ist es oft auch bei Erwachsenen. Nur merken wir es häufig nicht. Das Einrichten der neuen Wohnung ist zwar stressig, aber macht uns auch Spaß. Wenn die Wohnung dann fertig ist, bleibt von der anfänglichen Begeisterung oft wenig übrig. Auch auch größere Dinge kann man dieses Phänomen beziehen, zum Beispiel auf das Umsetzen von Geschäftsmodellen. Oft macht das Aufbauen deutlich mehr Spaß, als das spätere Betreiben. Die Magie liegt ganz klar im Prozess – nicht bei einem bestimmten Resultat.

Der Mensch braucht ein Ziel. Hat er dieses Ziel jedoch erreicht, dann braucht er ganz schnell wieder ein neues Ziel. Dabei geht es aber nicht um das Erreichen des Ziels, sondern um den Weg dorthin. Trotzdem fokussieren wir uns im Leben viel zu oft ganz allein auf das Ziel. Den Uni-Abschluss, den neuen Job, die Reise in 3 Monaten, oder sogar die Rente, oder das Dasein als Digitaler Nomade. Auch ganz andere Bereiche sind betroffen: „Wenn ich erstmal die 10 Kilo abgenommen habe, dann wird mein Leben ganz anders.“ Wir erliegen der Täuschung, dass nach Erreichen von Zielen das Schlaraffenland auf uns wartet. Dabei sollten wir eben jenes lieber nicht mit bestimmten Zielen verknüpfen, die in der Zukunft liegen.

Wenn du es schaffst, den Prozess zu genießen, dann hast du gewonnen. Ganz egal, um welche Art von Prozess es sich in deinem Leben handelt. Der alte Spruch „der Weg ist das Ziel“ ist tatsächlich sehr wahr. Andere Menschen bezeichnen dies auch gern als „im Hier und Jetzt verankern“.

Unsere Gedanken tragen uns ständig in die Zukunft, und kreisen sorgend um das, was vor uns liegt. Oder sie tragen uns in die Vergangenheit, und wir denken an Dinge, die längst nicht mehr wichtig sind.

Ich fühle mich mittlerweile nicht mehr ganz so sinnlos umhertreibend. Dank örtlichen Verankerungen. Und weil es Gründe für mich gibt, wenn ich an einem bestimmten Ort bin. Nur „weil ich es kann“ reicht mir nicht mehr. Aber, das muss ich auch gestehen… die Begeisterung der ersten 3 Jahre bleibt bisher unerreicht. Aber wenn das so bleibt, dann ist das auch okay. Denn ich bin ja im Prozess des Suchens – und wie zuvor beschrieben, liegt darin ja die wahre Magie des Lebens: Im Prozess. Oder zählt das nicht?

Lebe nach deinen eigenen Regeln!

Tim Chimoy
Über den Autor

Tim Chimoy

Tim beschäftigt sich seit 2012 mit den Themen ortsunabhängiges Arbeiten und digitales Unternehmertum. Er verdient sein Geld als Architekt, Buchautor und Berater für Neues Arbeiten und digitale Transformation. Zudem ist er Gründer des Citizen Circle. Auch wenn Tim viel und gern unterwegs ist: Sein Zuhause ist zur Zeit die Stadt Chiang Mai im Norden Thailands.

15 Antworten zu “5 Jahre Digitaler Nomade – Ein Blick zurück”

  1. Hi Tim,

    ich „verfolge“ Dich bereits seit Deinem Start. Ich finde Deine Artikel toll, ehrlich und vor allem authentisch. Nachdem der anfängliche Hype des digitalen Nomadentums etwas verfolgen ist, ist es immer wieder interessant, die jeweiligen Entwicklungen zu reflektieren. Thats life ;o) – Danke für Deinen tollen Berichten – Gruß René ab und zu als Digitaler Teilzeit Nomade unterwegs ;o)

  2. Hallo Tim,
    mich stört vieles an der Digitalen-Nomaden-Szene, darunter auch das, was du beschreibst: Nomade sein weil man es kann. Die „echten“ Nomaden in Afrika oder Zentralasien sind ja auch nicht Nomaden, weil sie keinen Bock auf eine feste Adresse, einen festen Wohnsitz haben, sondern weil die Tiere nicht genügend zu fressen bekommen, wenn die eigene Herde immer in derselben Gegend weidet.
    Bei den käuflichen eBooks und Webinaren und was-weiß-ich-noch wird mir viel zu wenig auf diese Aspekte eingegangen, gerade weil das ja das eigene Geschäftsmodell – anderen einen Traum zu verkaufen – hinterfragt oder gar zerstört. Ehrlicher finde ich daher solche Zeilen wie die deinen hier oben. Danke.

  3. Hallo Tim,

    guter und aufrichtiger Artikel.
    Es ist wirklich so, der Weg/Prozess ist das Ziel. Die Träume, die Pläne, das Umsetzen.
    Wenn man dann angekommen ist, steht möglicherweise bereits das neue Ziel vor der Tür.

    Früher hielt ich dieses Verhalten für unreif, heute weis ich, dass das das eigentliche Leben ist.

    Und auch, wenn man feststellt, dass das erreichte Zielnicht das ist, was man sich versprach, ist es ok, dies sich einzugestehen.

    Und da lügen sich manche digitalen Nomaden in die Tasche. Digitales Nomadentum hat nicht nur Vorteile, es ist wahrscheinlich genauso oft deprimierend.
    Denn Nomadentum ist, wieder richtig feststellst, kein Hobby, keine Laune. Es war ursprünglich eine schiere Notendigkeit. Um Überleben zu können. Das vergessen die modernen digitalen Nomaden oft und sehen nur, die gephotoshopte Möglichkeit, am Strand mit dem Mac arbeiten zu können.

    Wir Menschen brauchen Anker, um hin und wieder die Segel setzen zu können.

    Frohe Grüße von Dagmar, die seit drei Wochen mit Geländewagen und Dachzelt durch Italien reist. Mit dem Notebook 😀 Und sich ein bisschen wie eine Nomadin fühlt.

    • Tim Chimoy

      Danke, Dagmar. Schön gesagt. Am Ende muss es jeder für sich selbst herausfinden und sicher wird auch jeder anders glücklich. Aber Anker spielen dabei bei den Meisten eine wichtige Rolle, das denke ich auch.

  4. „Wenn du schaffst den Prozess zu genießen, dann hast du gewonnen.“
    Genau so empfinde ich es auch nach 17 Jahren Selbständigkeit, in denen ich so manch neues Projekt, neues Business gestartet und nach einiger Zeit wieder aufgegeben habe. Auch mich fasziniert immer wieder der Prozess neue Dinge anzustoßen, aufzubauen und wenn es dann läuft, abzugeben und zu neuen Ufern weiter zu ziehe. Die eine große Leidenschaft, die mich bis ans Ende meiner Tage fesseln könnte, ist mir bisher noch nicht begegnet und so manches mal fragte ich mich, ob das wirklich „normal“ ist?
    Lieber Tim, danke für die offen, ehrlichen Worte. Es ist immer wieder schön zu hören, wie es anderen geht und das man selbst gar nicht wirklich auf der falschen Spur unterwegs ist. Das Leben selbst ist ein Abenteuer. Genießen wir es Tag für Tag. Danke, auch für die großartige CC Community, die du ins Leben gerufen hast! 🙂

  5. Lieber Tim,

    ich verfolge deinen Weg auch schon fast von Beginn an und habe mich mit Basti (Barami) damals auf Gran Canaria auch intensiv zu diesem Thema ausgetauscht.

    Ich bin nun selber seit knapp 4 Jahren selbstständig mit smartem WEBIGAMI WEBDESIGN (autodidaktisch) und Ende letzten Jahres hatte ich ein sehr ähnliches Gefühl, dass immer noch nachhallt.

    Um damit besser umzugehen habe ich letzten Sommer den Blog und YouTube-Kanal SO GEHT FREIHEIT (www.sogehtfreiheit.de) gestartet. Dort versuche ich durch meine Erfahrung, andere zum Thema Freiheit in Kopf, Job und Leben zu inspirieren. Vor allem geht es aber um das Thema inner Freiheit. Im Moment Leben. Grenzen ziehen. Selbstliebe. F**k it zu sagen. Zum Wesentlichen zu kommen. Die eigene Definition von Minimalismus zu finden.

    Themen, die ich auch in deinem Artikel entdecke.

    Ich würde mit SO GEHT FREIHEIT gern wachsen und mehr Menschen erreichen. Weil ich dort immer in meiner Energie bin. Aber nicht im Gary-V-Style. Gern würde ich mich dazu mit dir austauschen und vielleicht auch einen deiner Workshops wahrnehmen.

    Ich würde mich über eine Antwort sehr freuen und wünsche dir auf jeden Fall von ganzem Herzen, dass du den Prozess immer mehr genießen kannst.

    Cheers aus Hamburg,
    Jan 🙂

  6. Wie schrieb einmal ein guter Freund (digitaler Nomade) nachts auf Facebook: „“I think everybody should get rich and famous and do everything they ever dreamed of so they can see that it’s not the answer“ (Jim Carrey)

  7. Hallo Tim,

    vielen Dank für diese ehrlichen Einblicke. Ich arbeite täglich mit Kindern zusammen und kann Deine Beobachtung bestätigen. Leider verlieren sie diese Eigenschaft in der Grundschule – was viel zu früh ist! Dann beginnt das Beschützen des Bauwerks und damit kommen die Tränen, Streitereien und Frustration.

    „With great power comes great responsibility“ Voltaire/Ben Parker

    Beste Grüße
    Mike

  8. Hallo Tim,

    immer wieder beobachtet man Leute, die sich aufopfern für das eine Ziel. Beispielsweise ist das bei vielen der Kommilitonen meiner Frau vor dem ersten und zweiten juristischen Staatsexamen gewesen. Nur noch ein paar Monate für diese Prüfung lernen, dann hab ich mein Leben zurück. Nur nach der Prüfung ist vor der Prüfung. Nach dem 1. Examen folgt sofort das Referendariat und das zweite Examen. Und dann ist ja noch lange nicht Schluss. Man ist ständig getrieben, statt sein Leben im Moment zu genießen bzw. den Weg bis zu einem Ziel. Nur leider ist der Weg vor den beiden Examina wirklich kein leichter, aber wenigstens ein bisschen sollte man sein Leben auch in der Vorbereitungszeit genießen und nicht nur auf das eine Ziel hinarbeiten und sich völlig darin verlieren.

    Viele Grüße
    Martin

  9. Hallo Tim,

    immer wieder beobachtet man Leute, die sich aufopfern für das eine Ziel. Beispielsweise ist das bei vielen der Kommilitonen meiner Frau vor dem ersten und zweiten juristischen Staatsexamen gewesen. Nur noch ein paar Monate für diese Prüfung lernen, dann hab ich mein Leben zurück. Nur nach der Prüfung ist vor der Prüfung. Nach dem ersten Examen folgt sofort das Referendariat und das zweite Examen. Und dann ist ja noch lange nicht Schluss. Man ist ständig getrieben, statt sein Leben im Moment zu genießen bzw. den Weg bis zu einem Ziel. Nur leider ist der Weg vor den beiden Examina wirklich kein leichter, aber wenigstens ein bisschen sollte man sein Leben auch in der Vorbereitungszeit genießen und nicht nur auf das eine Ziel hinarbeiten und sich völlig darin verlieren.

    Viele Grüße
    Martin

  10. Hallo Tim,

    toller Artikel – ich kann dir so sehr zustimmen. Auch wenn ich noch im Prozess bin, versuche ich diesen bestmöglich zu genießen. Wenn gleich ich natürlich auch die Tendenz in mir merke, meine beruflichen Ziele in der Selbstständigkeit schnellstmöglich erreichen zu wollen (…um meine Zeit DANN zu genießen). Ich denke es ist zum einen hilfreich sich diese natürlichen Tendenzen bewusst zu machen (dazu hilft dein Artikel!).

    Und des Weiteren bringt es mir auch viel, mir im Jetzt (sprich WÄHREND des Prozesses…) täglich Dinge zu suchen, für die ich sehr dankbar bin. Denn meist übersehen wir die 90% der guten Umstände & konzentrieren uns nur auf die 10% die noch nicht gut laufen.

    Dir weiterhin ganz viel Erfolg!
    Christoph

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