Hey Christian. Du bist Gründer und Autor des Reiseblogs feel4nature. Das ist aber nicht dein einziger Broterwerb, oder? Wie teilt sich das bei dir in etwa auf? Was sagst du, wenn dich jemand fragt, was du beruflich machst? 

Hallo Tim! Da sich meine Tätigkeit tatsächlich auf mehrere Säulen stützt, kann ich diese Frage nur schwer mit einer einzigen Berufsbezeichnung beantworten.

Am ehesten würde wohl Mediendesigner und Programmierer, aber genauso auch Fotograf oder sogar Tauchlehrer, zutreffen.

Ursprünglich komme ich aus der Werbebranche – aber all die Dinge und Projekte hier aufzuzählen mit denen ich mich geschäftlich in den letzten 20 Jahren beschäftigt habe würde sicherlich den Rahmen sprengen – von einer eigenen Werbeagentur für Gastronomie- & Eventmarketing, über Projekte als freier Art- und Creativ Director für Werbeagenturen, bis hin zum freien Fotografen und Autor – hat sich meine berufliche Tätigkeit einfach genauso verändert bzw. weiterentwickelt wie ich mich selbst.

Der feel4nature Blog hingegen ist aber nicht auf ein Einkommen ausgelegt und im Übrigen auch kein klassischer Reiseblog, sonder eher ein reales „Abbild“ der Dinge die mein Leben tatsächlich bewegen.

Tauchen, Trekking, Reisen, Natur und ein selbstbestimmtes, individuelles Leben – das ist für mich persönlich der Schlüssel zu einem glücklichen und erfülltem Dasein. Daher ist der feel4nature Blog am ehesten eine Art „Selbstvermarktung“, mit dessen Hilfe ich vielleicht in der Zukunft einige meiner Projekte unterstützen möchte.

Als Reiseblogger ist man viel unterwegs, sonst hätte man ja nix zu bloggen. Das heißt, du arbeitest zwangsläufig viel von unterwegs, oder? Wie läuft das ab?

Ja, wir sind in der Regel mind. 5 bis 6 Monate im Jahr unterwegs und es wird tendenziell eher mehr. Das mobile Arbeiten läuft bei mir im Grunde genommen wahrscheinlich wie bei allen anderen Menschen, die nicht ausschliesslich in ihrem Büro arbeiten, auch.

Für Reisen auf denen wir viel unterwegs sind habe ich ein kleines, leichtes MacBook Air und wenn wir z.B. für eine Tauchsafari auf einem Boot absolvieren nehme ich gelegentlich auch mein größeres MacBook Pro, an dem ich ohne Leistungseinbußen auch Grafikarbeiten, Videoschnitt und Fotobearbeitung machen kann, mit auf die Reise.

Zudem habe ich schon seit etlichen Jahren einen mobilen „WLAN-Router“ mit einer Prepaid Datenkarte dabei – so dass ich, wann immer es ausreichend Netzt gibt auch mit dem MacBook „online“ gehen kann und nicht immer auf ein „WiFi“ Netz angewiesen bin.

Hast du auch längere Phasen, in denen du aus einem festen Büro oder Arbeitsplatz aus tätig bist?

Bis vor zwei Jahren war das noch „gang und gäbe“, dass ich zwischen meinen Reisen immer wieder ins eigene Büro zurückgekehrt bin. Im letztes Jahr hatten wir allerdings bereits unsere Zelte in Deutschland komplett abgebrochen, wollten 6 Monate lang den kompletten Appalachian Trail – 3.500 Kilometer durch die Wildnis im Osten der USA – wandern und danach dann erst einmal eine Weile dauerhaft Reisen.

Leider ist meine Frau (letztes Jahr noch meine Freundin – wir haben dieses Jahr geheiratet) in den ersten Wochen auf dem Appalachian Trail an einer sehr schweren Lungenentzündung erkrankt, sodass wir die Entscheidung getroffen haben doch erst einmal wieder nach Deutschland zurückzukehren.

Daher besteht auch aktuell wieder ein Büro in Deutschland von dem aus ich zwischen unseren Reisen arbeite.

Da uns der Appalachian Trail einfach nicht loslässt, werden wir im März nächsten Jahres noch einmal aus Georgia zu Fuss in Richtung Maine starten und den Trail dann hoffentlich ohne unangenehme Zwischenfälle bis zum Ende laufen – in dieser Zeit arbeite ich dann ausschliesslich von unterwegs.

Im Moment „spukt“ uns zudem der Gedanke im Kopf herum danach ein kleines Segelboot zu kaufen und damit ein paar Jahre um die Welt zu segeln – wenn das so kommt…hätte ich dann auch wieder ein festes, kleines und diesmal schwimmendes Büro.

War ortsunabhängiges Arbeiten immer schon ein Thema für dich? Warst du zuvor schon einmal selbstständig? Erzähl mal ein wenig über deinen Weg hin zur Ortsunabhängigkeit. Wie bist du über das Thema gestolpert?

Über meinen Werdegang habe ich ja schon was erzählt und im Grunde habe ich auch bereits vor fast 20 Jahren ortsunabhängig gearbeitet. Damals bin ich zwar noch nicht wirklich „gereist“ – sondern habe eher ein paar Wochen „Urlaub“ im Jahr gemacht, aber ein Laptop war auch damals schon immer mit dabei.

Klar, die Möglichkeiten haben sich gravierend verändert. Früher steckte die digitale Vernetzung von Firmen noch in den „Kinderschuhen“ und an den meisten Ecken der Welt gab es gar keine Internetzugänge. Die Laptops waren noch groß und schwer. Werbekonzepte, Kostenanalysen, Ablaufpläne etc. liessen sich aber auch damals schon problemlos am Laptop erstellen. Es gab halt nur noch keine digitale Vernetzung, wie wir sie heute kennen.

Parallel zu den wachsenden technischen Möglichkeiten habe ich mich natürlich auch weiterentwickelt und mit den Entwicklungen des „Web 2.0“ meine Möglichkeiten erkannt mir langsam aber sicher auch ein passives Einkommen aufzubauen und vermehrt ortsunabhängig zu arbeiten.

Was würdest du jemandem raten, der auch ortsunabhängig arbeiten will aber nicht so recht weiß, wo er/sie anfangen soll? Viele Jobs lassen sich ja nicht so einfach von überall erledigen, auch wenn es immer mehr werden. Wie findet man schnell einen Einstieg und kann auch möglichst schnell davon leben?

Ich glaube, die Frage kann man so pauschal nicht beantworten. Wenn sich jemand allerdings irgendeine Branche in der er bisher keinerlei Erfahrung hat für seine Selbständigkeit aussucht, mit dem einzigen Ziel möglichst schnell ortsunabhängig zu arbeiten – dann geht das sicherlich in 99,9 % aller Fälle schief.

Ich habe immer wieder festgestellt, dass Menschen mit dem ortsunabhängigem Arbeiten automatisch auch den Traum vom endlosen Reisen verbinden. Quasi, der Meinung sind das Geld würde sich irgendwie schon so locker nebenbei verdienen lassen – aber das ist in der Regel ziemlich weit weg von der Realität. 

Die Arbeitswelt insgesamt ändert sich rasend schnell. Viele Dienstleistungs-Jobs bedürfen bereits keinem festen Arbeitsplatz mehr. Wann kommt das auch in den Köpfen der Manager großer Konzerne an? Wann können mehr Angestellte auch von überall arbeiten? Währ schön, deine Gedanken dazu zu hören.

In einigen kreativen Branchen wird der Trend sicherlich weiter hin zum ortsunabhängigen Arbeiten und zur freien Einteilung der Arbeitszeit gehen. Innovative Firmen wie Google, Apple etc. geben ihren Mitarbeitern ja heute schon diesen Freiraum und bauen die Möglichkeiten ständig weiter aus.

Für den Großteil der arbeitenden Bevölkerung werden sich solche „Freiheiten“ aber meiner Meinung nach nicht etablieren lassen. Die Grundvoraussetzung für ortsunabhängiges Arbeiten ist – aus meiner Erfahrung heraus – immer eine gewisse Leidenschaft für seine berufliche Tätigkeit, gepaart mit einer Menge an Selbstdisziplin und Motivation – das bringen aber die meisten Angestellten für ihren Job einfach nicht mit.

Du bist viel in der Natur unterwegs. Das macht das Arbeiten von unterwegs sicher nochmal schwieriger oder? Ich bin ein Freund von Co-Working Spaces und Cafés. An einem Bergsee oder am Strand könnte ich mich nur schwer auf die Arbeit konzentrieren, da genieß ich dann lieber den Ausblick / Augenblick. Wie bekommst du das hin?

Für mich ist das Arbeiten auf unseren Reisen kein Problem, zumal ich auch unterwegs mittlerweile die Arbeit quasi vom Vergnügen trenne indem ich im Vornherein feste Zeiten oder Tage festlege an denen ich arbeite.

Ausserdem gehöre ich zu den Menschen, die bei der Arbeit gerne ihre Ruhe haben – in der Natur oder auf dem Meer sind die Voraussetzungen dafür ideal. Daher bin ich persönlich auch ich im Gegensatz zu Dir kein großer Fan von Co-Working Spaces und Cafés – da könnte ich mich nur sehr schwer auf meine Arbeit konzentrieren und kreativ sein.

Magst du uns eine Prognose abgeben, wie dein (Arbeits)leben in 10 Jahren aussieht? Hast du ein konkretes Ziel?

Ich halte nicht viel von konkreten beruflichen Zielen, erst Recht nicht wenn deren Erfüllung noch ein ganzes Jahrzehnt entfernt liegt. Ich habe in der Vergangenheit nur allzu oft am eigenen Leib die Erfahrung gemacht, dass sich Wünsche und Träume schon in relativ kurzen Zeitspannen radikal verändern können.

Statt irgendwelche fernen Ziele zu verfolgen lebe ich heute nach dem Lebensgrundsatz jeden Tag – soweit es möglich ist – mit den Dingen zu füllen die mir wirkliche Freude bereiten und flexibel sich bietende Chancen und Möglichkeiten zu ergreifen die mein Interesse wecken.

Daher kann ich Dir beim besten Willen nicht sagen, ob ich in 10 Jahren noch immer die gleichen Dinge beruflich mache wie heute, als Tauchlehrer auf einer „einsamen“ Malediveninsel arbeite, als freier Autor Bücher schreibe oder was auch immer – sicher bin ich mir allerdings, dass ich in 10 Jahren genau das tun werde was mich zu diesem Zeitpunkt dann gerade begeistert und erfüllt.

Wie denkst du über die schnell wachsende Bewegung der digitalen Nomaden? Ich habe oft den Eindruck, dass es zwar toll ist was da passiert, aber zugleich viele Menschen die Arbeit und Disziplin unterschätzen, die bei (ortsungebundener) Selbstständigkeit erforderlich ist. Ist das ein Hype oder eine Entwicklung?

Grundsätzlich wird die Anzahl der Menschen die als Selbständige ortsunabhängig und digital ihre Arbeit verrichten sicherlich weiter wachsen, zumal sich die Möglichkeiten durch den technischen Fortschritt ständig erweitern.

Allerdings wage ich stark zu bezweifeln, dass diese mehrheitlich aus dem direkten Umfeld der „digitalen Nomaden“ Bewegung – wie Du es nennst – kommen werden.

Wahrscheinlicher ist es, dass vermehrt erfahrene Selbständige und findige Kaufleute ihre bisherigen, schon erfolgreichen Geschäftsmodelle weiter in Richtung Ortsunabhängigkeit entwickeln. Gerade weil diese neben ihrer Branchenkenntnis und geschäftlichen Erfahrung auch das nötige Kapital mitbringen um ihre Projekte professionell umzusetzen.

Wenn ich mir hingegen das direkte Umfeld der „digitalen Nomaden“ Szene anschaue, dann bewegen sich dort leider auch eine Menge „Träumer“ die versuchen auf diesen Trend aufzuspringen, ohne dass sie die notwendigen Voraussetzungen mitbringen.

Das größte Manko ist aus meiner Sicht, dass die meisten angehenden „digitalen Nomaden“ keinerlei betriebswirtschaftliche Kenntnisse mitbringen und vor allem den zeitlichen Aspekt beim Aufbau einer stabilen Einkommensquelle als Selbständiger vollkommen unterschätzen. Klar, mit dem notwenigen Know-how, einem ansprechenden USP (Alleinstellungsmerkmal) und dem nötigen Quäntchen Glück kann es auch mal ganz schnell gehen – aber das ist halt nicht die Regel…sondern eher die glückliche Ausnahme. 

Noch ein paar Gedanken oder Learnings, die du den Lesern mitgeben willst?

Oha,…da gäbe es so viele Dinge, aber das meiste davon kann man auf meinem feel4nature Blog lesen. Vielleicht soviel,…

…mit dem Älterwerden habe ich gelernt, dass der Schlüssel zu einem glücklichen und selbstbestimmten Leben ausschliesslich in der inneren Ausgeglichenheit liegt. Das „höher, schneller, weiter“ Denken, dass durch unsere westliche Gesellschaft vermittelt führt uns nur in eine Endlosschleife der Unzufriedenheit.

Daher ist mein Ratschlag: „Finde für Dich heraus, was Du wirklich zum Leben brauchst und nimm Dir mehr Zeit für Dich und die kleinen Dinge im Leben. Wahres Glück kann man nicht in Geld oder Besitz messen, sondern ausschliesslich in vollkommenen Momenten.“

feel4nature-christianDanke für das Interview, Christian! Besuche Christians Blog unter Feel4Nature.com und schau auch auf seiner Facebook-Seite vorbei.

Lebe nach deinen eigenen Regeln!

Tim Chimoy
Über den Autor

Tim Chimoy

Tim beschäftigt sich seit 2012 mit den Themen ortsunabhängiges Arbeiten und digitales Unternehmertum. Er verdient sein Geld als Architekt, Buchautor und Berater für Neues Arbeiten und digitale Transformation. Zudem ist er Gründer des Citizen Circle. Auch wenn Tim viel und gern unterwegs ist: Sein Zuhause ist zur Zeit die Stadt Chiang Mai im Norden Thailands.

3 Antworten zu “Bloggen als Selbstvermarktung – Interview mit Christian von Feel4Nature”

  1. Dies ist für mich der wichtigste Satz in diesem wunderbaren Artikel … „mit dem Älterwerden habe ich gelernt, dass der Schlüssel zu einem glücklichen und selbstbestimmten Leben ausschliesslich in der inneren Ausgeglichenheit liegt. Das „höher, schneller, weiter“ Denken, dass durch unsere westliche Gesellschaft vermittelt führt uns nur in eine Endlosschleife der Unzufriedenheit“. Wir sollten alle lernen uns von der Gesellschaft nicht alles aufdrücken zu lassen, sondern uns und dann unsere Arbeit finden.
    Danke für den wunderbaren Artikel.
    Grüsse sendet Daniela

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