Seit gerade mal 5.000 Jahren siedelt ein Großteil der Menschen dauerhaft an festen Orten. Seit 5.000 Jahren umgeben wir uns mit Habe und verschiedenen kulturellen, gesellschaftlichen und religiösen Rahmen, die teils selbst gemacht, teils organisch gewachsen unser Leben leiten, begrenzen, bestimmen. Dagegen stehen über 2.000.000 Jahre Nomadentum. Ist der Wunsch, neue Lebensräume zu erobern, zu reisen und zu entdecken vielleicht nichts weiter als ein Zeugnis unserer konditionierten Genetik? Und was entwickelt sich aus unserer noch jungen Kultur, wenn wir nicht sehr sorgsam auf sie Acht geben?

Noch vor einem Jahrzehnt sind nur die Wenigsten aus ihrem Rahmen ausgebrochen. Und wenn, dann um als ‚Aussteiger’, belächelt von Freunden und Verwandten, an einem neuen Ort zu siedeln. Die Bar auf Fuerte, ein Busfahrersitz in Norwegen und das Engagement als Entwicklungshelfer im Kongo erschließen zwar neues Terrain, binden aber am Ende wieder an einen anderen Ort und andere Konventionen.

Die meisten blieben. In ihrem Heim, mit all ihrem Besitz, sind sie durch die materielle Freiheit, für die sie so hart gearbeitet haben, um sich schöne Dinge zu kaufen, am Ende durch eben diese Dinge unfrei. Wer will schon verlassen, was er aufgebaut hat, wenn der Aufbau das Ziel des Lebens ist? Ist es nicht auch naheliegend, in einer Gesellschaft, deren Wohlstand sich an der Menge des Besitztums bemisst, eben diesen zu beschützen?

Und doch zieht es seit jeher alle, die können, Jahr für Jahr an fremde Orte. Warum ist die Freude auf den Urlaub eine der Größten und der temporäre Ortswechsel das Jahresziel der zivilisierten Welt? Warum reisen die, die es sich nicht leisten können täglich in digitale Fantasiewelten? Weil wir zum Siedeln an einem Ort geschaffen sind? Wohl kaum.

Jetzt, mit fortschreitender Digitalisierung und den auskeimenden Möglichkeiten einer Gesellschaft auf dem Weg in Richtung „Industrie 4.0“ macht ein Teil von uns mobil. Verlässt die Städte, die gemauerte Lebensplanung, die Bürozelle, den Takt des zivilisierten Lebens. Mehr und mehr Menschen wollen (und können) ortsunabhängig arbeiten und mit kleinem Gepäck von Ort zu Ort ziehen. So auch ich.

Manch einer tut das bereits seit Jahren. Die Suitcasentrepreneure und Entrepreneurinnen der ersten Stunde, einige sind schon wieder sesshaft geworden, inspirieren die neuen Aufbrecher mit ihrer eigenen Lebensgeschichte. Mit der Geschichte von Freiheit, einem Leben nach eigenen Regeln, ihrer Arbeit an fernen und schönen Orten und dem Entdecken der Welt mit einer Habe im Handgepäckformat.

Was mit ein paar Einzelnen begann, wuchs zu einer Familie, einer festen Gemeinschaft. Und dann kam der Zug der Zeit und lud noch viele mehr auf. Heute ist das digitale Nomadentum mehr als eine kleine Bewegung. Es ist eine neue Kultur auf dem Weg zu einem Volk. Und zum Glück ist es noch keine Zivilisation.

Und eben weil es keine kleine, vertraute Familie mehr ist, stößt die junge Kultur auf dieselben Grenzen und dieselben Herausforderungen wie jede längst Vergangene. Vielleicht ist es an der Zeit, Parallelen zu erkennen, um die Fehler der analogen Welt nicht ungesehen in die digitale zu transferieren. Dafür ist es hilfreich, sich selbst beim Wort zu nehmen.

Nomaden.

Wikipedia verrät uns, dass „Als Nomaden (altgr. νομάς nomás, „weidend“, „herumschweifend“) […] Menschen bezeichnet (werden), die aus ökonomischen Gründen eine nicht-sesshafte Lebensweise führen.“

Soweit, so gut. Auch wenn die Ortswechsel des Nomaden der Neuzeit eher selten ökonomischer und weit häufiger explorativer Natur sind, lohnt ein Blick in die Vergangenheit. Und sei es nur, um in unserer jungen Kultur einen Blick für die Ereignisse zu entwickeln, die ihre Vorgänger zuerst durch große Nöte und später in die betonierten Vorstädte, den Takt der Zivilisation und die neonbeleuchtete Bürozelle katapultiert haben.

Unsere Reise startet in der Gegenwart. Mit der Frage, warum mehr und mehr Menschen ihren Besitz auf Reisetaschenformat eindampfen, den Job kündigen und einfach losziehen. Nomaden sein wollen. Auf den ersten Blick erscheint das Lossagen von der Heimat oft wie eine Flucht aus der Unzufriedenheit. Aber ist es das wirklich? Diktiert uns nicht vielleicht ein genetisch induzierter Trieb den Ausbruch aus der siedelnden, habenden und sich selbst durch ihren ökonomischen Zweck beschränkenden Gesellschaft? Weil diese Gesellschaft so konsequent gegen unsere über hunderte von Generationen konditionierte und damit genetisch verankerte Lebensweise steht und sie gleichwohl erst einen Wimpernschlag der humanen Evolution andauert?

Bevor wir weiterlaufen gucken wir doch einfach zurück

Noch vor wenigen hunderttausend Jahren gab es wenigstens sechs verschiedene Menschenarten, die sich untereinander teils friedvoll paarten, teils gewaltsam auslöschten. Am Ende blieb der Homo Sapiens, bereichert um genetische Einflüsse des Neandertalers und trat sprichwörtlich den Siegeszug zur selbsternannten Krone der Schöpfung an. Er trat tatsächlich an, indem er wanderte und nomadierte. Von Hunger und einer sehr überschaubaren Menge Entdeckergeist getrieben verbreiteten sich unsere Ahnen jagend, sammelnd, in kleinen, teils lockeren, teils festeren Verbünden langsam über den Planeten.

Wie aber konnte ausgerechnet diese physiologisch eher unterdurchschnittlich begünstigte Spezies nicht nur überleben, sondern sich den Rest der Arten untertan machen?

„Das Hirn wars!“

rufen wir da gern und laut. Faktisch stimmt das, aber das Hirn allein ist nutzlos, ja sogar hinderlich, wenn man es nicht zu verwenden weiß. Bis vor knapp 70.000 Jahren schleppten wir diesen energiehungrigen Haufen weichen Ballasts weitgehend ungenutzt mit uns herum. Wir waren, abseits unserer von Ritualen geprägten Familienverbünde, nicht wirklich dazu in der Lage uns im großen Rahmen zu organisieren – und damit den anderen Mitbewohnern unseres Planeten sehr ähnlich (auch Kapuzineräffchen knacken ihre Nüsse mit Werkzeugen).

Vielleicht, weil wir es mit unseren Riesenhirnen immerhin schafften, Werkzeuge zu bauen, mit denen wir die Knochen der von größeren und stärkeren Tieren erlegten und abgenagten Beutetiere aufbrechen und uns des nahrhaften Knochenmarks bemächtigen konnten (die Wissenschaft orakelt noch, ob unsere Superhirne durch diese Extraportion Fett entstanden), vielleicht aber auch, weil eine glücklich geführte Hand der Evolution das Kabel in unserem Hirn endlich an der richtigen Stelle angelötet hat: Mit einem Mal wurden wir schlau.

Binnen kürzester Zeit (also in schlappen vierzigtausend Jahren) entwickelten wir eine Sprache, die es uns ermöglichte, komplexe Sachverhalte über unsere Umwelt und vor allem über uns selbst auszutauschen. Wir lernten zu Tratschen: Über uns, unsere Mitmenschen, die Vergangenheit, die Zukunft. Mit eben dieser Fähigkeit konnten wir Mythen , Religionen, Visionen und Fiktionen quasi aus dem Nichts erschaffen und über diese, gemeinsam als real anerkannten Fiktionen (aus diesen gehen Werte und Normen hervor), später Zivilisationen bilden und zusammenhalten. Im selben Atemzug erfanden wir noch einen Haufen nützlicher Dinge, rotteten die anderen Menschenarten und die meisten großen Tiere aus und eroberten so die Welt.

Aber es waren nicht die Werkzeuge und Waffen, die uns so erfolgreich gemacht haben. Es war schlicht die Fähigkeit, uns unter Zuhilfenahme einer Fiktion in Gruppen zu organisieren. Nur dadurch waren wir bei der Jagd und im Kampf um Territorien erfolgreicher – durch Strategie und Taktik, umgesetzt in einem koordinierten Verbund. Und nur deshalb knechteten wir uns als Bauern und Viehzüchter unter den großen Herren der Geschichte. Weil wir es glaubten, als sie uns sagten, wir müssten nur diesen Weizen anbauen und würden nie mehr hungern. Diese Aussage ist genauso belastbar wie

    „Jeder, der einen Internetzugang hat kann von überall aus Arbeiten und viel Geld verdienen!“

Nun, wir Menschen haben eben Phantasie. Freundlich ausgedrückt. Analytisch betrachtet sind wir dazu in der Lage, aus dem Nichts unseres Hirns Mythen und Fiktionen zu erschaffen und sie im Glauben der Masse zu erheben. Der Glaube an die Fiktion eint die Masse erschafft Werte und Normen und verschweißt Individuen zu homogenen Kollektiven. So funktionieren nicht nur Religionen (auf die wir manchmal mit dem Finger zeigen), sondern auch Zivilisationen (die wir in der Regel toll und lebensnotwendig finden).

Dieser elementare Unterschied zu allen anderen Lebensformen ist eines ganz besonders aufmerksamen Blickes wert. Denn genau hier, in der menschlichen Eigenschaft, aus Fiktionen reale Organisationen werden zu lassen und diesen zu glauben und zu folgen, liegt der Segen und der Fluch unserer zivilisierten Welt. Um die Situation unserer Ahnen in die Neuzeit zu projizieren müssen wir noch ein kleines bisschen tiefer einsteigen.

25.000 Jahre nach der kognitiven Revolution, also gut 45.000 Jahre vor unserer Zeit war der Homo Sapiens mit seinem schönen großen Gehirn und der Fähigkeit es zu benutzen allein. Bevor wir 40.000 Jahre später sesshaft wurden und uns in Ackerbau, Viehzucht und der damit verbundenen Anhäufung von Besitz versklavten (und versklaven ließen), lebten wir in stabilen, kleinen Verbünden. Wir brauchten keine Mythen und Visionen, um uns zusammenzuschweißen und diese urzeitlichen Communities zählten nie mehr als ein paar Dutzend Köpfe. Das aus einem simplen Grund.

In seinem überaus lesenswerten Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit schreibt Autor Yuval Noah Harari:

Soziologen haben in Untersuchungen herausgefunden, dass eine »natürliche« Gruppe, die nur von Klatsch zusammengehalten wird, maximal aus 150 Personen bestehen kann. Mit mehr Menschen können wir keine engen Beziehungen pflegen, und über mehr Menschen können wir nicht effektiv tratschen. Das ist bis heute die magische Obergrenze unserer natürlichen Organisationsfähigkeit. Bis zu einer Größe von 150 Personen reichen enge Bekanntschaften und Gerüchte als Kitt für Gemeinschaften, Unternehmen, soziale Netzwerke und militärische Einheiten aus, und es sind keine Rangabzeichen, Titel und Gesetzbücher nötig, um Ordnung zu halten.

Kurz gesagt können wir mit maximal 150 Personen in einer freien Gemeinschaft im Hier und Jetzt verbunden sein. Wenn wir uns die Lebensgewohnheiten unserer Vorfahren etwas genauer anschauen stellen wir fest, dass die Lebens- und Sozialgewohnheiten der damaligen ‚Communities’ sehr unterschiedlich waren.

So gab es mono- und polygam lebende Gemeinschaften, Vegetarier, Veganer und Jäger genauso wie kriegerische und friedliebende Gruppen. Der Unterschied zu unseren heutigen Verbünden besteht im Wesentlichen darin, dass unsere Urahnen sich ihre erste Community nicht aussuchen konnten – sie wurden ungefragt hineingeboren. Und dennoch haben wir uns vermischt, haben die eine Community verlassen um Teil einer anderen zu werden. So konsolidierten wir uns Kraft unserer Herkunft und unserer Lebensweise – zwei absolut realen und gegenwärtigen Eigenschaften. Und nur so konnte sich der humane Genpool erweitern und unsere Spezies im Lauf der Jahrtausende vielfältiger und stärker werden.

Aber: wir waren immer nur Teil einer einzigen Gruppe – da wir per Physis nicht an verschiedenen Orten gleichzeitig sein konnten. Etwas Neues zu beginnen hieß unverhandelbar etwas Altes loszulassen.
Eben diese naturgegebene Fokussierung ersparte unseren Vorfahren eine Menge Stress. Sie mussten nur über vergleichsweise wenige Personen Bescheid wissen, was diese tun, ob und wobei man sich auf sie verlassen kann, was sie gerne mögen, was sie gut können und wann sie vielleicht bereit für den arterhaltenden Akt der Fortpflanzung sind. Wie wir alle wissen, sind diese Kenntnisse in einer großen Community weitaus schwieriger zu erlangen.

Aus der limitierten Verfügbarkeit von Artgenossen (die meisten unserer Ahnen sahen in ihrem ganzen Leben weit weniger Personen als auch die ‚digozial‘ Schwachen unter uns Facebook-Freunde haben) ergab sich die bequeme und entspannende Situation, die sozialen Verbindungen innerhalb der Communitiy überblicken zu können. Also wer mit wem gut kann, wer mit wem nicht so und wer an wem für eine mögliche Fortpflanzung besonders interessiert ist. Und natürlich auch, wie gut der- oder diejenige das so kann. Über dieses Wissen konnten wir tratschen, hiermit konnten wir unsere Zeit füllen. Eben da liegt der Ursprung all unserer kommunikativen Entwicklungen, der Entwicklung unserer Sprache und – wen wundert’s – die Geburtsstunde der Fiktionen und Mythen.

Begleiten wir unsere paleolithischen Vorfahren ein bisschen weiter auf ihrem Weg: Im Rhythmus der Jahreszeiten wanderten diese Verbünde durch angestammte Areale. Dabei verweilten sie mal kürzer und mal länger an einem Ort – je nachdem, wie lange die jagd- und sammelfähige Nahrung reichte. Unseren Aktionsradius vergrößerten wir übrigens kaum, mit maximal 40 km radialen Flächengewinns pro Jahr drehten wir beständig unsere Kreise. Nun hätte ja ein charismatischer Anführer auch einfach

„Mir nach, wir gehen nach Westen“

rufen können und mit seinem Clan viele tausend Kilometer im Laufe seines Lebens erschließen können.

Hat er aber nicht. Und da bleibt die Frage nach dem warum. Vielleicht beantwortet sich diese aus der Angst vor Gefahr des unbekannten Terrains, vielleicht aber auch aus der simplen Freude, an schöne und bekannte Orte regelmäßig zurückzukehren. Im Winter schon zu wissen, auf welche sonnige Lichtung man sich im Sommer freuen kann. Kurzum: Wiederkehr hilft bei der Vorfreude auf einen sicheren Platz in der Zukunft. Es ist eine Realvision, ein begründeter Wunsch. Das unterscheidet die Vorfreude elementar von einer Fiktion. Vielleicht ist dieser Aspekt für uns alle einen Gedanken wert. Doch dazu später.

Denn zuerst ist da noch etwas mehr: Heute, viele tausend Jahre nach der Agrarrevolution, glaubt ein großer Teil der Menschheit, dass die Epoche der nomadierenden Jäger und Sammler von großen Anstrengungen, Lasten und Gefahren geprägt war und dass Siedlung, Ackerbau und Viehzucht nur eine logische Konsequenz der humanen Evolution sind. Ein Produkt des Wunsches nach Sicherheit und Bequemlichkeit. Gleichzeitig assoziieren wir mit der Agrarrevolution das Fundament unseres Wohlstandes. Weit gefehlt.

Während die einseitig ernährten und kränkelnden Bauern in den frühen Agrarzivilisationen 60 bis 80 Stunden in der Woche mit Pflege und Aufzucht ihrer Nahrung und dem Schutz ihres Besitzes verbrachten, war der nomadische Wildbeuter mit seinen vier bis sechs Stunden täglicher Jagd- und Sammelzeit eine verhältnismäßig entspannte Teilzeitkraft (und dazu auch noch eine deutlich gesündere). Eine bemerkenswerte Parallele zu unseren Wünschen.

Und doch hat unser wandernder Freund im Biberpelz sich von seinem freien Leben losgesagt. Obwohl er gesund war, weit weniger Hunger als in den folgenden Jahren verspürte und seine Existenz als Wildbeuter wesentlich sicherer war (aber das konnte er ja alles noch nicht wissen), blieb er, siedelte und fügt sich seit gut fünftausend Jahren mal mehr, mal weniger klagend in sein Schicksal.

Was also bot das zivilisierte Leben für eine lockende Option? Die Antwort ist auch für uns heute mehr als nur spannend.

„Keine.“

Für das Individuum entstand (und entsteht) kein zusätzlicher Nutzen, wohl aber für die Spezies. Der Anbau von Getreide und die Zucht von Vieh ermöglichten mehr Kalorien pro Quadratkilometer. Zwar sind die Kalorien aus Weizen damals wie heute minderwertig (und der Verzehr des klebrigen Getreides war vor der Erfindung der Zahnbürste zudem eine besondere dentale Herausforderung), dennoch ernährt man mit dem energiedichten Getreide mehr Menschen als ohne. Wo früher 100 Menschen leben konnten, können jetzt 1.000 leben. Und der Erfolg der Evolution bemisst sich nunmal an der objektiven Menge von DNA und nicht an den subjektiven Lebensbedingungen des Individuums.

Läge es in den menschlichen Grundeigenschaften, das Wohl unserer Spezies über unser eigenes zu stellen, wären sicher viele Dinge auf unserem Planeten anders gelaufen. Was ist also passiert? Die Agrarrevolution, genau wie die erste und nun bald die vierte industrielle Revolution ist ein schleichender Prozess auf sehr, sehr leisen Füßen. Es dauert(e) Jahre – und solche langsamen Veränderungen kann unser Geist nicht überblicken, geschweige denn objektiv bewerten. Und um jede Veränderung epochalen Ausmaßes herum gibt es Treiber, ernannte und selbsternannte Propheten.

Als Jäger und Sammler hing die Menge unseres Nachwuchses von vielen Umweltbedingungen ab, in schlechten Jahren mit wenig Nahrung bekamen die Frauen unserer Clans z.B. weniger Kinder als in Guten. Dann kam das Kartoffelfeld. Erst ein kleines. Plötzlich konnten mehr Kinder geboren werden. Aus Sicht der Evolution fantastisch.

„Mehr DNA! Geil!“

Auch aus Sicht der Siedler ein Gewinn. Genährt von den Visionen ihrer Anführer übersahen die Bauern des Neolithikums, dass man für mehr Kinder mehr Kartoffeln und für mehr Kartoffeln mehr Acker braucht – und, dass man für mehr Acker mehr arbeiten muss. Wir mögen grinsen, sind heute aber auch nicht weitsichtiger (wenn man bedenkt, dass wir eine ganze Weltwirtschaft auf einem per Logik endlichen Rohstoff aufgebaut haben und dem Gedanken anhängen, es würde immer so weiter gehen).

An dieser Stelle fing der Plan an zu haken – und er kollabierte für manch altertümliche Community mit der ersten ausgefallenen Ernte. Doch vor diesem leidvollen Hungertod hatten unsere siedelnden Vorfahren so einiges an Schmerz und Entbehr in Kauf genommen. Und Warum?

„Fiktionen.“

Genau wie wir standen unsere Vorfahren auf Fiktionen, die Geschichten vom Heil. Ausschließlich die Fiktion kann dem menschlichen Geist so dämliche Dinge diktieren wie „Arbeite mehr, baue mehr Kartoffeln und Weizen an und deine Familie wird nie mehr hungern“. Schon damals haben wir die Unvorhersehbarkeit der Natur und die von uns nicht beeinflussbaren Größen, z.B. andere globale Entwicklungen, einfach ignoriert. Und in der Masse fiel es uns leicht, die von Demagogen indoktrinierte und in uns selbst lebendig gehaltene Fiktion zu glauben. Dafür haben wir ja Werte und Normen. Erkennen wir Parallelen zu uns selbst?

„Jeder, der einen Internetzugang hat kann erfolgreich sein und viel Geld verdienen“.

Er wird nie mehr hungern müssen. Nur hart arbeiten muss er dafür. Wenn er nicht erfolgreich ist, muss er einfach härter arbeiten. Ohne Fleiß eben kein Preis. Wie viele Digitale Nomaden der zweiten und dritten Aufbrecherrunde werden sich (und als kollaterale Auswirkung auch unbeteiligten Dritten) in eben diesem illusorischen Glauben einen neuen Niedriglohnsektor erschaffen? Ist es, das Wissen der Vergangenheit in sich tragend, ein ethisch korrektes Ziel, das langsame, organische Wachstum einer neuen nomadischen Kultur durch massengerechtes Marketing zu beschleunigen? Daraus ein hauptstadttaugliches Geschäftsmodell zu entwickeln?

Oder stellen sich die heutigen Initiatoren damit in eine Reihe mit den herrschenden Visionären vergangener Epochen? Die eben diesen Niedriglohnsektor (also die Bauern und Viehzüchter) zur Verwirklichung ihrer Fiktionen genauso brauchten wie heute virtuelle Assistenzen und zahllose andere Freelancer gebraucht werden. Geoarbitage hin oder her.

Bleibt also die Frage, was wir durch die Organisation in Gruppen jenseits der 150 Köpfe gewonnen haben. Wir haben die Möglichkeit gewonnen zu siedeln und uns in Städten, Staaten und Zivilisationen zu vereinen. Darin können wir handeln, Besitz aufbauen und uns in gemeinsamen Glaubenssätzen sicher und geborgen fühlen. Wir können die Verantwortung von uns selbst auf eine Gemeinschaft übertragen, eine Gemeinschaft, die wir in ihrem Inneren nicht kennen (das Größenproblem) und die wir noch weniger selbst gestalten. Vielmehr geben wir uns ihr hin, nutzen sie, um passiv unsere Identität zu definieren. Definition durch Glauben. Welch Paradoxem.

In einer kleinen Community fügen sich die Dinge von selbst. Die Verbindungen ergeben sich als Produkt aus limitierter Verfügbarkeit und gegenseitigem Interesse. Visionen und Realitäten formen sich organisch aus einem Flow des gemeinschaftlichen Tuns, frei von Regeln und ohne Support.

In einer großen Community müssen diese Verbindungen künstlich erschaffen werden. Und auch dann sind weniger intensiv und noch weniger stabil. Gerade diese stabilen sozialen Beziehungen sind es aber, die uns Menschen ein langes und erfülltes Leben schenken.

Große Communities neigen dazu, aus fiktiven Glaubenssätzen gefühlte Realitäten werden zu lassen. Wohin führt also unsere Reise, wenn wir sie als Teil einer Bewegung und dennoch allein antreten? Wenn die Zahl unserer persönlichen Verbindungen auf der Suche nach Zugehörigkeit die magische Grenze der 150 überschreitet? Wenn wir nach immer neuen Orten suchen und nicht der Gesetzmäßigkeit einer freudigen Wiederkehr ins sichere Bekannte folgen? Laufen wir Gefahr, uns als Zivilisation organisieren zu müssen? Oder schlimmer: uns vielleicht irgendwann organisieren zu lassen und damit ein ähnliches Schicksal zu besiegeln wie unsere Vorfahren von siebentausend Jahren? Genährt durch den Gedanken, dass es schon irgendwie gutgehen wird und wir das richtige tun? Das Wachstum einfach alles ist?

Vielleicht ist gerade jetzt ein guter Moment, um von unseren analogen Ahnen zu lernen. Nicht nach allen Möglichkeiten der Vernetzung zu greifen und nicht nur das Neue zu suchen. Weder territorial noch inter-sozial. Noch sind wir alle nomadische Entrepreneure, Teil einer freien Kultur, die hier und da die Grenzen ihrer Organisationsform erkennen kann. Diese Erkenntnis wird allerdings nicht die Kultur als Ganzes gewinnen, dass kannst du, ich kann es. Individuen können es.

Genau wie jede junge Kultur, die es geil findet, dass sie wächst (mehr Acker, mehr Kinder) unterliegen wir der Gefahr, uns von unseren Visionen verführen zu lassen (mehr Digitale Nomaden, mehr … ja was denn eigentlich? Freunde?). Oh, das ist ein spannender Plot für den nächsten Artikel (Amn. des Autors).

Vielleicht sollten wir, nur um frischen Wind in die Geschichtsbücher der Zukunft zu bringen, zur Abwechslung mal schlau handeln. Tun wir das im Verbund, werden wir vielleicht die erste dauerhafte Kultur der Evolution. Gut, dazu brauchen wir eine ganze Menge Glück (und weise Entscheidungen ausserhalb unseres Wirkungsraumes) aber vielleicht können wir damit anfangen das zu tun, was jeder schlaue Unternehmer auch tun würde: uns umdrehen. Gucken was funktioniert und was es trotz wiederholter Versuche einfach nicht gebracht hat.

Jeder von uns hat heute mehr Möglichkeiten, sich dieses Wissen (und damit auch Entscheidungsgrundlagen) zugänglich zu machen als die Kaiser, Könige und Pharaonen der Vergangenheit.

Dürfen wir uns intelligent nennen, wenn wir Vergangene Ereignisse in die Gegenwart projizieren, Parallelen erkennen und die Situation nicht auf Basis unserer Wünsche und Fiktionen, sondern auf mit der Anwendung unseres Wissens bewerten? Und dürfen wir uns sozial nennen, wenn wir unsere Beziehungen festigen und vertiefen anstatt nach neuen zu streben, an Orte zurückkehren, um dort als Teil einer Gemeinschaft wirksam zu sein? Ich denke ja.

Für unsere Spezies ist Mäßigung und Rationalität schon immer eine besondere Herausforderung gewesen. Wir entscheiden gerne impulsiv, Geschwindigkeit und Wachstum fanden wir schon immer famos. Wenn beides zusammenkommt gibt es für uns fast kein Halten mehr.

Es mag also hilfreich sein, unserer Entwicklung reflektiert zu begegnen. Genetisch verankerte Rituale und Rhythmen wieder in unser Leben integrieren und unsere Mitreisenden zum Innehalten anzuhalten. Und sei es nur, um dem Takt einer neunen Zivilisation zu entgehen.

Lassen wir Yuval Noah Hariri das Schlusswort:

    „Schuld an diesen Katastrophen ist die Tatsache, dass wir Sapiens keine natürlichen Instinkte mitbringen, die uns die Zusammenarbeit mit großen und anonymen Gruppen ermöglichen würden. Über Jahrmillionen hinweg entwickelten sich die Menschen in Grüppchen mit einigen Dutzend Angehörigen. Die wenigen Jahrtausende, die zwischen der landwirtschaftlichen Revolution und dem Aufstieg von Städten und Weltreichen vergingen, genügten nicht, um einen »Instinkt der Massenkooperation« entstehen zu lassen.“

Betrachten wir uns als geweckt.

Die Links in diesem Text, die zu Yuvals Buch führen, sind, du hast es nicht anders erwartet, Affililate Links. Mich hat sein Werk, genauso wie der Nachfolger Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen mächtig ans Nachdenken gebracht. Nur Weniges, dass ich in meinem Leben gelesen habe, hat multiperspektivisches Wissen und Lesefreude so angenehm vereint. Ich würde es nochmal kaufen. Das Buch hat viel mehr zu bieten als dieser kleine Text. Wenn auch der Text an der einen oder anderen Stelle ein kleines bisschen mehr bietet als das Buch 😉

Lebe nach deinen eigenen Regeln!

Andreas Büter
Über den Autor

Andreas Büter

Andreas arbeitet als Food- und Lifestylecoach in Köln. Seit einem Jahr versucht er sich als Teilzeitnomade und lernte so den Citizen Circle direkt vor Ort in Chiang Mai kennen. Auf seinem Blog eat-better.de findest du seitdem nicht mehr nur Rezepte und Tipps rund um eine naturnahe Ernährung, sondern auch seine Gedanken zur gesunden Verbindung von Arbeit und Freizeit auf Reisen.

2 Antworten zu “Digitale Nomaden – Eine Laune der Genetik?”

  1. Hallo Andreas,

    sehr gut recherchierter Artikel. Bei der Länge war ich zwar hin und wieder versucht, schnell quer zu lesen, aber die Qualität deiner Botschaft hat mich dann doch dazu bewogen, alles sehr sorgfältig zu lesen.
    Jetzt glaube ich auch zu wissen, weshalb in Tallinn „nur“ 150 Teilnehmer angemeldet sind. 😉

    Nein, im Ernst, ich habe einige Parallelen zu meinen Denken festgestellt und die Frage, weshalb wir Menschen so auf Besitz, Bestand und Vermehrung des Ganzen aus sind und dafür viele Nachteile in Kauf nehmen, treibt mich auch um.
    Ist es Gewohnheit, Herdentrieb, Sicherheitsdenken, Obrigkeitshörigkeit? Von allem ein bisschen?
    Und die neue Bewegung der digitalen Nomaden – eine Blase, eine Fiktion von und für Menschen, die sich nicht festlegen wollen? Oder ist es gar selektive Wahrnehmung und es gibt gar nicht so viele DN?

    Jedenfalls bleibt es interessant, abzuwarten und zuzusehen und inzwischen – mitzumachen.

    Viele Grüße
    Dagmar

  2. Hallo Dagmar!

    Das freut mich sehr, dass du beim Lesen genauso viel Spass hattest wie ich während des Schreibens 🙂 Ich glaube, die Antwort auf deine Frage nach dem ‚warum leben wir so wie wir leben‘ hat noch eine Dimension mehr: Es gibt für die meisten Menschen keinen direkten Weg aus der etablierten Struktur.

    Die Agrarrevolution hat mehr Menschen an einen Ort gebunden als dort aus Jagd und Sammlung hätten leben können. No way back. Die Industrialisierung hat Menschen in ein Spezialistentum gedrängt und völlig neue Werte etabliert. Auch haben Staat und Unternehmen die Rollen von Familien und ‚Sippen‘ übernommen und uns aus persönlichen Verantwortungen gehebelt. Fehlt es dem spezialisierten Individuum dann noch an der Fähigkeit zur Reflexion (die ja in unseren Ausbildungssystemen auch nicht sonderlich aktiv trainiert wird 😉 fügt es sich in seine Rolle.

    Persönlich glaube ich, dass die Bewegung der DN ganz und gar keine Blase oder Fiktion ist, sondern dass wir ganz am Anfang einer neuen Kultur stehen. Dass diese auch in Zukunft mit neuen Teilnehmern genährt wird und eine eigene Dynamik entwickeln wird, schuldet sich vermutlich mehreren Einflüssen: Zum einen gewinnen wir durch die Technisierung eine Vielzahl von neuen Möglichkeiten zur ortsunabhängigen Leistungserbringung. Kein Büro stellen zu müssen senkt Infrastrukturkosten, da freut sich der Unternehmer. Passt also. Zum anderen wandeln sich die Werte in den jüngeren Generationen. Menschen erkennen, dass bei viel Habe wenig Platz fürs Sein bleibt. Da die religiösen Prophezeiungen auf das Himmelreich zunehmend an Bedeutung verlieren gewinnt der Wert der LebensZEIT und verbindet sich mit dem natürlichen Wunsch der Exploration neuer Lebensräume.

    Spannend ist vielleicht auch die Frage, welchen Einfluss wir Entrepreneure auf diese Entwicklung nehmen und nehmen wollen. Ob wir sie einfach so geschehen lassen und damit in die Fußstapfen unserer Vorfahren treten oder ob wir gestaltend tätig werden. Und genau dazu will der Artikel inspirieren 😉

    Sonnige Grüße – Andreas

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