2006 verbrachte ich in etwa 8 Monate in dieser Stadt, die eigentlich gar keine ist. L.A. ist vielmehr eine chaotische Anhäufung von Häusern und Strassen als eine Stadt. Alles ziemlich flach, von Downtown mal abgesehen. Endlose Highways.

Damals arbeitete ich als Praktikant in einem Architekturbüro in Santa Monica. Eine tolle Zeit, an die ich gern zurück denke. Los Angeles ist keine Liebe auf den ersten Blick. Auch nach mehreren Monaten gefällt es dort nicht Jedem. Entweder man liebt L.A. – oder man verflucht es.

Was an Los Angeles wirklich nervt

Getting around – Es gibt einen Song mit dem Namen „Nobody walks in LA“ und der Name dieses Songs ist Programm. L.A. ist die ultimative Autofahrerstadt. Das Bus- und U-Bahn Netz ist relativ bescheiden, auch wenn sich hier in den letzten Jahren einiges getan hat.

Busfahren ist ein bisschen verpönt und den „Unterschichten“ vorbehalten. Ich habe mir damals eine alte Schrottmühle für ca. 1000 Dollar gekauft. Genau so würde ich es auch heute tun, denn die Karre ging später für den selben Preis auch wieder weg.

Die U-Bahn bringt dir nicht viel. Sie fährt nicht einmal bis ans Meer. Busfahren ist natürlich auch eine Möglichkeit, und viel sicherer als manch einer behauptet. Aber wer wirklich L.A. erleben will, braucht ein Auto. Punkt.

Innenstadt – Sowas gibt es in L.A. nicht. Es gibt nur ein paar wenige Fußgänger-Ghettos. Die Promenade in Santa Monica oder ein paar Straßenzüge in Westwood. 200 Meter in West-Hollywood vielleicht. Der Rest sind Malls, Malls, Malls. Schade eigentlich. Aber fanieren kann man daher um so besser am Meer!

In Downtown kann man sich mittlerweile auch bewegen und herumspazieren. Hier zieht gerade die Hipsteria ein und die Penner werden nach und nach verdrängt. Am besten auf dem Skateboard durch Downtown brettern.

Verkehr – Autostadt heißt Dauerstau. Ich habe damals nahe Downtown in einem Industriegebiet gewohnt, indem sich Nachts die Crackdealer die Klinge in die Hand gegeben haben. Zur Arbeit ging es nach Santa Monica – direkt am Pazifik gelegen einer der beliebteren Wohngegenden.

Die Strecke ist normal in 20 Minuten machbar. Morgens und abends ist man aber auch mal locker 90 Minuten unterwegs. Dann ist die Autobahn picke packe zu und nix geht mehr. Nothing moves in LA.

Die U-Bahn fährt nicht bis Santa Monica. Angeblich um die Obdachlosen aus den besseren Wohnvierteln wegzuhalten. Als könnten die nicht den Bus benutzen. Komisches Argument, aber es zeigt das gestörte Verhältnis zum öffentlichen Personennahverkehr.

Wohnen ist teuer – Unter jungen Leuten ist es in L.A. nicht üblich, sich eine Wohnung zu teilen – in der Regel teilt man sich gleich das Zimmer. Alles andere wäre unbezahlbar. Ist also völlig normal, dass eine 4er WG dann nur 2 Schlafzimmer hat. Sharing is caring.

Wer natürlich im Halb-Ghetto wohnt, der kann sich ein eigenes Zimmer leisten. Eine Frage des Gemüts. Komfortzone und so. Oft fühlt es sich gefährlicher an, als es ist. Das ist in L.A. oft so. Solange du nicht nach Compton ziehst… da geht es etwas härter zu.

Was ich an Los Angeles liebe

Die Menschen – Wer von „den Amis“ spricht, der sollte mal seine Schubladen ausmisten. „DIE Amis“ sind ungefähr so verschieden wie „DIE Europäer“. Menschen in Kalifornien sind aus meiner Erfahrung oft sehr weltoffen, überhaupt nicht arrogant und längst nicht so oberflächlich wie oft behauptet wird.

Zudem sind die meisten Menschen in Kalifornien eh Einwanderer. Die meistgesprochene Sprache in Los Angeles ist Spanisch. Englisch kommt erst weit dahinter. Latinos und Hispanos prägen das Strassenbild.

Viele Asiaten leben dort ebenfalls, es gibt eine riesige vietnamesische Community (deshalb kann man an jeder Ecke Pho essen) und auch viele Europäer haben sich hierher verlaufen. Es gibt ein Chinatown, Koreatown, sogar ein Germantown. Die Wurst ist sicher. …. Manch einer kommt her, weil er in Hollywood durchstarten möchte.

L.A. ist ein Melting Pot. Hier ist alles vertreten. Schubladen sind hier absolut fehl am Platze. Hier passt jeder ins Stadtbild. Willkommen!

Parties – Parties enden hier früh… zumindest die in den Clubs. Um 2 Uhr ist Ende. Das macht aber nichts, denn daher sind wohl die „House Parties“ ganz groß. Nach den Clubs geht es meist zu irgendjemanden nach Hause, um bis morgens weiter zu feiern. Ein Wort, dass ich in L.A. gelernt habe: „Car Bar“ – Klar, oder?

Und Leute kennenzulernen ist extrem easy in LA. Man muss sich schon sehr anstrengen, nicht mehrfach am Abend angesprochen zu werden. Alles etwas oberflächlicher, mag sein. Aber auch kontaktfreudiger. Ich finds (zumindest beim Ausgehen) gut so.

Nomadisch – Zwar habe ich seit ich ortsunabhängig arbeite L.A. nicht wieder besucht, aber der Tag wird kommen! Ich vermisse die Stadt hin und wieder sehr. Ist nur einfach deutlich teurer als z.B. manch Fleck in Südostasien.

Durch Freunde vor Ort weiß ich, dass man als digitaler Nomade dort eine Top Infrastruktur hat. Die „Szene“ der Diginomads ist in den USA schon viel größer und viele Menschen aus kälteren Gegenden der USA zieht es nach L.A., um von dort das Laptop-Business zu steuern. San Francisco mag noch beliebter sein. Auch schön.

Die Coworking Szene wächst auch in L.A.. Cafés gibt es sowieso genug, und seinen Laptop aufzuklappen. Im Folgenden findest du zudem eine kleine Auswahl von Coworking Spaces. Ich habe sie selbst nicht besichtigt, kenne aber die Gegenden, in denen sie liegen.

Du kannst dir natürlich einen Mietwagen in L.A. nehmen falls du nur kurz dort bist. Wenn du aber länger dort bist, empfehle ich dir dringend, ein Auto zu kaufen. Das geht am besten über Craigs List. Nimm unbedingt eine(n) Freund(in) mit, wenn du dir ein Auto kaufst, da du ja relativ viel Cash mit dir herumschleppen musst. Das Auto musst du dann nur noch beim DMV anmelden.

Co-Working Spaces und Arbeiten in Los Angeles

The HUB Los Angeles – Im Herzen Downtowns und nicht weit von der Union Station. Sicher einer der bekannteren Spots. Weltweit gut vernetzt.

Nextspace – Nextspace liegt in Culver City – westlich von Downtown und fast am Pazifik gelegen. Nach Santa Monica ist es nicht weit und auch nach West Hollywood kommt man schnell. Gute Lage!

Blank Spaces – gibt es in Downtown und auf dem Wilshire Blvd – nicht weit von West Hollywood. West Hollywood ist vor allem für Freunde der Regenbogenflagge eine beliebte Wohngegend und der Blankspace auf dem Wilshire Blvd ein gutes Ziel zum Arbeiten.

WeWork – liegt direkt am Hollywood Blvd. nicht weit vom Sunset Blvd. Auch in West Hollywood gelegen. Gute Gegend! Anscheinend hängen dort auch gern Top-Player ab.

Wenn du zwischen Südamerika und Südostasien mal was anderes suchst, dann solltest du dir ruhig mal 3 Monate in Kalifornien gönnen. Sei gewarnt: Dein Portemonnaie sollte dafür etwas besser gefüllt sein. Wenn das kein Hinderungsgrund ist… Pack deinen Koffer!

Fazit: L.A. ist besser als sein Ruf und viel mehr als Hollywood und Bay Watch. Zudem ist die Natur drumherum auch sehr schön. Schnapp dir z.B. ein Fahrrad und fahr den Pazifik entlang. Nobody walks in LA.

Lebe nach deinen eigenen Regeln!

Tim Chimoy
Über den Autor

Tim Chimoy

Tim beschäftigt sich seit 2012 mit den Themen ortsunabhängiges Arbeiten und digitales Unternehmertum. Er verdient sein Geld als Architekt, Buchautor und Berater für Neues Arbeiten und digitale Transformation. Zudem ist er Gründer des Citizen Circle. Auch wenn Tim viel und gern unterwegs ist: Sein Zuhause ist zur Zeit die Stadt Chiang Mai im Norden Thailands.

3 Antworten zu “Eignet sich Los Angeles für digitale Nomaden?”

  1. Hi Tim,
    finde ich mal eine sehr angenehme Sicht auf die Stadt. Irgendwie fasziniert mich die Stadt schon seit ich Kind bin. Und das nicht weil ich Hollywood anstrebe, sondern weil mich dieser Melting Pot und diese vielen, nennen wir sie mal Träumer, irgendwie inspirieren und faszinieren.
    Letztes Jahr hab ich es endlich mal geschafft einen Road Trip in Kalifornien zu machen und LA dabei auch so mit Unterbrechung 7-8 Tage zu erleben. Du hast sicherlich viel mehr dort erlebt als ich in der kurzen Zeit, aber ich kann deinen grundsätzlichen Eindruck unterstreichen. Das mit den Clubs hat mich auch ein wenig verwirrt. Den Traffic über den sich die Angelenos so gern aufregen, habe ich in der kurzen Zeit eher mit einem Lächeln wahrgenommen. Es liegt doch eine gewisse Aggression zugrunde bei den sonst so gelassen Menschen, die man überraschend schnell übernimmt.
    Ich vermisse die Stadt und hoffe mal länger dort verbringen zu können. Danke auf jeden Fall für die Liste an Co-Working Spaces und die weiteren Hinweise. Artikel speicher ich ab.
    Bestes
    Julian

  2. Hi Tim,
    ich war vor 2 Jahren in LA. Hab so einen selbstorganisierten Roundtrip gemacht. Da ich anschließend noch in NY war ist mir eines besonders aufgefallen: Die Leute an der Westküste sind in allem viel entspannter als die Leute an der Ostküste. Alles geht viel „lockerer“ ab, LA hat viel mehr den Flair des „Süden“. Auch wenn LA chaotisch ist – genauso wie du schreibst – kann ich es nur weiterempfehlen. Die Atmosphäre dieses Melting Pots ist einzigartig.
    Wer’s noch schöner und ein bisscher kleiner möchte, sollte sich nach San Diego begeben. Wunderschöne Stadt, auch ideal für digitale Nomaden! Sehr gepflegt, sehr offen, zig Tech-Firmen ansässig. Ideale Voraussetzungen also.

    lg Markus

  3. Hi Tim,
    ich war letztes Jahr für 3 Monate da. Hatte eine ein ZimmerWohnung in Hollywood- bezalbar. War im Umkreis von 1 Std. überall nur zu Fuß unterwegs, habe auch sonst sehr viel zu Fuß erkundet da man dort toll wandern kann. Klar man ist was Nahverkehr und Pünktlichkeit angeht was anderes gewöhnt aber da es sowieso dort lockerer zugeht war es kein Problem. Würde niemandem empfehlen sich dort ein Auto zu nehmen, die Parkplatzpreise muss man sich nicht antun und die Sucherei ist doch nur Zeitverschwendung. Was ich schlimm fand war die enorme Anzahl der Obdachlosen, wobei je nach Bezirk die anders drauf sind. Was auch in Großstädten generell grade in den USA ein Thema ist … Bettwanzen!
    L.A ist, meiner Meinung nach, Industriegebiet wo mittlerweile Leute zwischendrin Häuser gebaut haben und auf ihre Art leben.

    „Nobody walks in LA.“ well sorry but my name ain´t Nobody!

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