Wieso alles besitzen, wenn man alles benutzen kann? Warum mit Dingen belasten, die einem eigentlich gute Gefühle schenken sollen? Diese Gedanken beschäftigen mich schon seit Jahren und ich habe durchaus ein zwiegespaltenes Verhältnis zum Minimalismus.

Es gibt Dinge, die ich gern besitze. Konsum ist mir nicht fremd, einige Dinge machen mir einfach Spaß. Ich erfülle wohl das Architektenklischee und habe viel Spaß an Designermöbeln, allen voran schönen Stühlen. Jedoch hinterfrage ich mich auch häufig und ertappe mich dabei, wie ich wieder einmal in die vermeidliche Konsumfalle getappt bin.

Was brauche ich wirklich? Wo liegt meine Grenze?

Less is more – das wusste schon Ludwige Mies van der Rohe – einer der großartigsten Architekten unserer Zeit, welcher einen großen Teil dazu beigetragen hat, dass ich mich nach meiner Schulzeit für ein Architekturstudium entschieden habe.

An seiner Architektur ist relativ leicht ersichtlich, wie dieser Begriff für ihn zu verstehen war: Auf das Wesentliche konzentrieren, nicht mit übermäßigem Schmuck von der Funktion eines Gebäudes ablenken. Die Form des Gebäudes sollte sich vielmehr aus seiner Funktion ergeben, und nicht umgekehrt.

Dass dies auch in Bezug auf physischen Besitz und im Grunde das gesamte Leben ein guter Ratschlag ist, das habe ich für mich erst viele Jahre später entdeckt. Während meiner Unijahre habe ich extrem bescheiden gelebt und all mein Geld in Reisen investiert.

Als aber 2007 die ersten größeren Gehaltszahlungen auf meinem Konto eingingen, begann ich, regelmäßig Klamotten zu kaufen, nur weil mir danach war. Auch wenn ich schon zwei Jeanshemden im Schrank hängen hatte, ein drittes musste her. Auch in anderen Bereichen tat ich, was man halt so tut, wenn der Rubel rollt: Größere Glotze, neue Möbel, neues Fahrrad.

Überglücklich machte mich das alles nicht, aber irgendwo musste das Gehalt ja hin. Dass ich es einfach mal hätte Sparen können, kam mir damals mit Ende Zwanzig verrückterweise einfach nicht in den Sinn. Kann ich ja noch mit anfangen, wenn ich 30 bin, dachte ich mir. Und dann wenn ich 35 bin.

Als ich mich dann aber mit 31 bewusst zum Ausstieg aus dem typischen Leben eines Festangestellten verabschiedete um als digitaler Nomade zu leben und mir die Bank gleich einen Monat später erstmal das Dispo kündigte, musste ich zwangsläufig meine Ausgaben senken.

Ich saß damals in der chinesischen Millionenstadt Hangzhou und erhielt von der Deutschen Bank einen Brief. „Bitte gleichen Sie ihr Dispo bis zum ersten des Folgemonats aus und überweisen Sie uns 3.000 Euro.“ Eine Situation, die zum Glück langfristig dazu führte, dass ich begann, ein wenig vernünftiger mit Geld umzugehen.

Durch meine Beschäftigung mit Themen wie ortsunabhängiges Arbeiten, digitale Nomaden und Lifestyle Design las ich auch hier und da etwas über den „Trend“ des Minimalismus. Große Beachtung schenkte ich dem Thema nicht, reduzierte mich aber trotzdem immer mehr.

Ich denke, es lag einfach in der Natur der Sache. Wer neue spannende Aufgaben für sich entdeckt und sein Leben hin zu mehr Selbstbestimmung orientiert, und zudem das Reisen liebt, der rutscht da irgendwie einfach so rein. So war es zumindest bei mir. Plötzlich war mir dieser ganze Kram relativ egal. Shopping war nix mehr für mich.

Ich kaufe hin und wieder aus Leidenschaft. Ab und zu mal ein schönes Hemd. Ich trage es dann jedoch auch, bis es auseinanderfällt. Neulich erst habe ich mir wieder einen Stuhl eines tollen Designers für 350 Euro gegönnt. Ich schaue den Stuhl an und er macht mich glücklich. Jemand hat sich bei der Gestaltung des Stuhles sehr lange sehr viele Gedanken gemacht. Das sieht man ihm an. Ein einfach schönes Teil.

Andere Menschen hängen sich Bilder an die Wand, ich mag Stühle. Oder Taschen. Ich verzichte somit nicht auf Konsum, aber kaufe wesentlich bewusster und kann auch Dinge wieder loslassen und etwas verkaufen, wenn ich es nicht mehr mag. Krimskrams kommt mir nicht in die Tüte.

Das meiste Geld geht fürs Reisen drauf. Auch eine Art Konsum. Aber keiner, bei dem man unnötig Dinge anhäuft und Gefahr läuft, sich über Besitz zu definieren. Dinge belasten schnell, wenn sie zu viele werden. Sie müssen gepflegt werden, verwaltet werden, weggeräumt werden, genutzt werden. Kurz: Sie machen Arbeit, stehlen Zeit. Trotzdem möchte ich auf schöne Dinge nicht verzichten.

Mein gesamter Besitz in einem Rucksack? Ein toller Gedanke. Ich kenne einige Menschen, die das geschafft haben. Ich finde es sehr bewundernswert. Manchmal sogar beneidenswert. Jedoch entspricht mir das nicht.

Das Tolle ist: Wenn man seinen Besitz auf wenig beschränkt, dann kann man sich viel eher mal die richtig schönen Dinge gönnen. Zum Beispiel einen Stuhl für 350 Euro, an dem man sich Jahre lang erfreut. Das ist meine Form des Minimalismus. Konsum: Ja. Anhäufung von Krempel: Nein.

Daher mein persönliches Fazit: Man kann auch als Minimalist Dinge besitzen. Zumindest in meiner eigenen Definition. Jeder reduziert sich eben einfach in seinem ganz persönlichen Rahmen. Wie stark reduzierst du dich?

Lebe nach deinen eigenen Regeln!

Tim Chimoy
Über den Autor

Tim Chimoy

Tim beschäftigt sich seit 2012 mit den Themen ortsunabhängiges Arbeiten und digitales Unternehmertum. Er verdient sein Geld als Architekt, Buchautor und Berater für Neues Arbeiten und digitale Transformation. Zudem ist er Gründer des Citizen Circle. Auch wenn Tim viel und gern unterwegs ist: Sein Zuhause ist zur Zeit die Stadt Chiang Mai im Norden Thailands.

14 Antworten zu “Minimalismus: Wie stark reduzierst du dich?”

  1. Hallo Tim!

    Nach 2 Radreisen weiß ich, dass alles was ich brauche in 2 Radtaschen passt. Alles darüber hinaus ist überflüssiger Luxus. Luxus macht das Leben manchmal angenehm. Zu viel davon belastet mich eher.

    bunteGrüße und vielen Dank für den schönen Artikel
    Steffi

  2. Hallo Tim,

    ich sehe das sehr ähnlich wie Du. Ich kaufe mir inzwischen auch weniger aber dafür hochwertigere Dinge, die im besten Falle auch noch von nachhaltig und fair produzierenden Firmen stammen.

    Dein letzter Abschnitt bringt es daher auf den Punkt:
    „Das Tolle ist: Wenn man seinen Besitz auf wenig beschränkt, dann kann man sich viel eher mal die richtig schönen Dinge gönnen. Zum Beispiel einen Stuhl für 350 Euro, an dem man sich Jahre lang erfreut. Das ist meine Form des Minimalismus. Konsum: Ja. Anhäufung von Krempel: Nein.“

    Weil diese richtig schönen Dinge meist auch von besserer Qualität sind, habe ich auch direkt eine viel größere Motivation, sie besser zu pflegen. Bei billigem Kram war es eher so, dass ich mir nicht so die große Mühe gegeben, weil ich ja u.a. auch wusste, dass es leicht und billig gewesen wäre, sie wiederzubeschaffen.

    Insofern ist es – um es neudeutsch zu sagen – mal wieder eine „Win-Win-Situation“:
    für mich, weil ich weniger Dinge anhäufe, die mich und meine Wohnung belasten und ich auch in der Summe Geld spare, und für die Umwelt, weil so viel weniger Ressourcen verbraucht werden.

    Viele Grüße,
    Dominique

    • Hallo Dominique!
      Genauso sehe ich das auch! Von deinem Satz, dass Du Dir Dinge von nachhaltig und fair produzierenden Firmen kaufst, über Tims Zitat „Konsum: Ja. Anhäufung von Krempel: Nein“, bis hin zu der Win-Win-Situation: geringere Belastung für mich und meine Wohnung, ich spare Geld, mache etwas Gutes für die Umwelt, weil weniger Ressourcen verbraucht werden.

      Recycling, upcycling….alles was in Kreisen läuft und wiederkehrt, kann so schlecht nicht sein: Wie unsere Jahreszeiten 🙂

      Viele Grüße,
      Christina

    • Hi Dominique, so ist es. „Hochwertige Dinge“ bringt es auf den Punkt. Ich kann es mir z.B. nicht leisten, T-Shirts bei H&M zu kaufen. Das ist eine schlechte Investition 🙂 Dann lieber 30 Euro für ein T-Shirt, dass 2 Jahre hält. Nur ein Beispiel von vielen..

  3. Hi Tim,

    mein Problem beim Reduzieren ist, dass ich auf jeden Fall Situationen vermeiden will, in denen ich die Sache wieder brauche, die ich gerade dabei bin, wegzugeben. Wenn ich mir vorstelle, später evtl. wieder Geld ausgeben zu müssen, um etwas wiederzubeschaffen, dann ärgert mich das so sehr, dass ich lieber im Vorhinein die Dinge behalte. Oder sogar heute Dinge kostenlos oder günstig annehme, die ich später gebrauchen könnte.

    Der entscheidende Faktor ist also bei mir das Geld, dass ich absolut ungern unnötig ausgeben will. Das ist es, was bei mir die Grenzen beim Reduzieren setzt.

    Was da etwas Abhilfe bei mir schafft, ist zu wissen, dass es heutzutage immer mehr Quellen gibt, sich kostenlos Dinge zu besorgen, hab da auch hier mal eine Übersicht für Quellen in Berlin zusammengeestellt.

      • Hi Patrick,

        naja, nicht zwingend. Ich hab hier zB Inline Skates herumzustehen, die ich vllt. vor 5 Jahren das letzte Mal benutzt habe, also eigentlich ein idealer Reduzier-Kandidat.

        Ich könnte die jetzt bei E-Bay loswerden. Vermutlich kriege ich nicht mehr als 10 EUR dafür, wenn es schon billige neue für 14 EUR inkl. Versand gibt. Zudem müsste ich mich dann auch um den Verkauf kümmern: Ebay-Angebot reinstellen, Skates verpacken, zur Post bringen.

        Wenn ich dann später mal wieder welche brauche, müsste ich sie erst bestellen und ein paar Tage warten. Sie könnten dann nicht so gut sein: schlecht sitzen oder von minderer Qualität, so dass ich sie zurück schicken und neue bestellen müsste. Die, dann gut wären, könnten schließlich teurer sein.

        Und der ganze Aufwand nur dafür, dass ich etwas mehr Platz in einer Ecke meine Wohnung hätte. Bringt das wirklich was? 🙂

  4. Hallo Tim, ich habe nochmals Deinen Artikel gelesen und denke, dass nicht entscheidend ist, ob Du „nur“ noch 100 Sachen besitzt, sondern dass Deine Sinne geschärft sind für die Frage „was brauche ich?“ wirklich. Auf Basis dieser Frage entscheide ich dann, was ich „brauche“. Gelegentlich sind es Sachen die ich nicht wirklich brauche, aber ich denke nach und konsumieren bewusster. Seit meiner „Pleite“ 2005 habe ich für alles Budgets und gebe nur noch Geld aus, was ich wirklich habe. So weis ich genau wieviel Geld ich zum Leben wirklich brauche und wielange meine Rücklagen reichen. G
    PS. T Shirts und Investionen schließen sich wirklich aus!

  5. Hi Tim,
    vielen Dank für diesen Post!
    Ich stecke gerade in einem ähnlichen Prozess wie Du und stimme Dir zu 100% zu.
    Wer sich bewusst fürs Reisen und digitalen/analogen Nomdentum etnscheidet, der inspiziert und definiert die eigenen Werte neu. Dabei wird Materielles oft weniger wichtig. Es fühlt sich wie eine Befreiung an, sich von Krimskrams zu lösen, unnötigen Ballast abzuwerfen. Aber so sehr ich Minimalisten bewundere: An manchen Dingen hänge ich. Mein Tick, z.B., sind Masken aus allen möglichen Ländern. Die zieren eine Wand meiner Wohnung – und ich habe riesige Freude dabei, sie anzusehen. Darin stecken – verdichtet und geballt – meine Reiseerinnerungen. Diesen Krimskrams will ich glaub ich nicht missen… Gibt es für Dich auch manchmal Reisesouvenirs oder kannst Du sie Dir „verkneifen“?

  6. Hallo Tim,
    bei mir ist das auch sehr unterschiedlich. Einen Fernseher besitze ich nicht – will ich auch gar nicht. Wenn mich wirklich mal etwas unterhalten würde, dann kann ich mir das auch am Laptop ansehen. Kleidung und Schuhe kaufe ich bewusst, dann aber qualitativ hochwertig, Fairtrade und möglichst umweltschonend etc. Das kann dann auch mal teurer werden, doch ich kaufe ja insgesamt nicht so viel und dann auch nur das, was ich auch wirklich trage.
    Meine Leidenschaft sind Bücher und Musik, da kann ich einfach nicht nein sagen 🙂
    Zur Zeit spare ich auf einen Urlaub mit meinem Freund – und das geht auch mit sehr knappem Azubigehalt
    Gruß,
    Isabel

  7. Hallo tim 🙂
    Seit 3 wochen lese ich intensiv alles über minimalismus und in den 3 wochen hab ich schon sehr viel entrümpelt und es geht immernoch weiter 🙂 . das heisst jetzt aber nicht, das meine küchenmaschine oder mein bett mit rausfliegt *g aber ich möchte einfach klare linien schaffen, den ganzen krempel los werden und den papierkram, den man schon seit 5 jahren nicht mehr braucht. Und ich möchte natürlich dadurch auch meine kosten senken, kein unnötigen quatsch mehr kaufen und so geld sparen 🙂 für mich ist das jetzt ein projekt, was ich super finde und was ich auch konsequent durchziehen werde, in einem jahr werde ich dann sehen, wie es mir damit ergeht, ob ich wieder krempel gekauft hab oder ob ich standhaft bleibe und sage „nein, das brauche ich nicht!“. Mal sehen wie weit ich komme …. Dein text ist übrigens gut geschrieben, du weisst was du willst und kaufst hochwertige produkte, da muss ich erst noch hinkommen. Aber das wird schon, es macht übrigens spaß, alles raus zuschmeissen bzw zu verschenken 😉

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