Am Anfang steht die Frage: Brauchen wir noch Büros? Unter diesem Titel fand am 26. April die Work and Space Speakernight in Köln statt. Neben dem Hauptthema wirken noch viele andere Fragen nach, die auf der Veranstaltung das Tageslicht erblickt haben. Wieso arbeiten so viele Menschen immer noch wie vor 20 Jahren? Warum verändern sich die Strukturen so langsam, obwohl die Welt sich doch so schnell dreht? Wie wollen wir eigentlich arbeiten?

Digitale Arbeitswelt: Trends und Anforderungen

Ich stehe mehrfach pro Woche auf der Bühne und darf über die verschiedensten Zukunftsthemen und digitale Arbeitswelt referieren. In den letzten zwei Jahren ging es fast immer nur um die Digitalisierung. Die Digitalisierung kommt! Oder ist sie schon da? Digitalisierung, die große Gefahr: Nicht greifbar, vom Silicon Valley gesteuert und von Berliner Start-ups umgesetzt. Viele klassische Unternehmen aus dem Mittelstand haben reagiert, ausprobiert und digitale Elemente in die Organisation einfließen lassen. Die Lust an digital ist spürbar sichtbar. Es geht voran, auch wenn wir im internationalen Vergleich in Sachen digitale Arbeitswelt sicherlich nicht so weit sind, wie so mancher Futurist es gerne hätte. Seit kurzem gibt es jedoch eine neue Herausforderung. Die Menschen mitnehmen!

Bei aller Digitalisierung und den teilweise massiven Eingriffen in die Arbeitsorganisation hat man beobachtet, dass so mancher Mitarbeiter „streikt“. Wenn man große Veränderungen anstößt ohne den Menschen einzubeziehen, stellt man relativ schnell fest, dass das Getriebe stockt. Eine Lösung muss her und neue Begriffe machen schnell die Runde: New Work, Neue Arbeit oder Arbeit 4.0. Aufgrund von Globalisierung und vor allem Digitalisierung verändert sich die Arbeit eines jeden einzelnen.

Die Grundidee hinter New Work stammt von Frithjof Bergmann und wurde in den 70er Jahren verfasst. Im Kern geht es um Selbstständigkeit, Freiheit und Teilhabe an der Gesellschaft in allen Facetten. Die Arbeit ist nicht mehr nur ein Lohnerwerb, um die Miete zu bezahlen, sondern ein Ausdruck einer neuen Einstellung zum Leben. Bei den eigenen Eltern kann man sehr gut erkennen: Im 20. Jahrhundert passte sich das Leben an die Arbeit an. Heute ist das vielfach anders. Immer mehr (junge) Menschen passen die Arbeit dem Leben an.

Digitalisierung in der Arbeitswelt und ortsunabhängige Angestellte

Die DNA einer ganzen Bewegung ist klar beschrieben: Unabhängigkeit, finanzielle Freiheit, die Möglichkeit sich selbst zu entfalten und die Dinge zu tun, die man wirklich tun möchte. Immer im Rucksack dabei sind das permanente Ausprobieren, eine steile Lernkurve und der Umgang mit Rückschlägen. Die Identität der Mitglieder im Citizen Circle entspricht ziemlich genau dem Wertekanon von New Work. Wie immer gilt auch hier: Ausnahmen bestätigen die Regel.

Die große Frage lautet: Kann ein mittelständisches Unternehmen die DNA ortsunabhängiger Unternehmer auf die eigenen Organisation übertragen? Meine Antwort: Ja, unbedingt!

In einer Welt, die so schnelllebig und komplex agiert, kann man immer weniger voraussagen. Man kann weniger planen, Ressourcen einteilen oder gar verschwenden. Dieser Zustand macht vielen Mitarbeitern Angst. Da die meisten Unternehmen veraltete Organisationsstrukturen haben, werden die Mitarbeiter zusätzlich noch mit internen Reportings, Hierarchie-Geplänkel und sonstigen Auflagen gestresst. Eine Community Andersdenkender kann eine bestehende, seit Jahrzehnten funktionierende Organisation inspirieren, aufwecken und nachhaltig verändern.

Was können Unternehmen tun und ändern?

Ich glaube sogar, dass es in der heutigen Zeit ein Muss ist sich mit Menschen zu umgeben, die andere Ideen haben und die Welt aus einer anderen Perspektive betrachten. Einige Großkonzerne haben diesen Trend erkannt und versuchen gezielt Start-ups zu gründen und in Pilotprojekten eine neue Kultur zu erschaffen. Meistens ist es ein kalter Tropfen auf einem heißen Stein. Dennoch ist es ein Tropfen. Bei Kleinen und mittelständischen Unternehmen sehe ich noch viel mehr Gestaltungsspielräume. Entscheidungswege sind kürzer und die Kanäle für potentielle Inspirationen laufen schneller.

Egal ob Digitalisierung, digitale Arbeitswelt, New Work oder Künstliche Intelligenz, es kommt auf die Einstellung an. Eine innovative Kultur und Veränderungsbereitschaft kann man nicht innerhalb weniger Tage erschaffen. Es ist ein nicht endender Prozess, der immer wieder frische Impulse von außen braucht. Deshalb sind Digitale Nomaden nicht nur eine passive Inspirationsquelle, sondern könnten auch aktiv mit eingebunden werden. Die Zukunft der Arbeit ist für viele ortsunabhängige Unternehmer schon längst gelebte Realität. Die Praxiserfahrung kann für eine sich transformierende Organisation sehr wertvoll sein. Deshalb plädiere ich für ein gegenseitiges Miteinander.

KMU´s sollten den Kontakt zu den Menschen suchen, die schon jetzt bereit sind ihre Erfahrungen und ihr Wissen weiterzugeben. Es wird sich in vielfacher Art und Weise auszahlen. Sogar monetär! Bei den Nomaden bin ich mir sicher: Erfolg verpflichtet und führt dazu mehr Verantwortung zu übernehmen – Los geht´s!

Pioniere der neuen Arbeitswelt

Die Zukunft der Arbeit spielt sich hauptsächlich in den Köpfen aller Beteiligten ab und ich glaube, dass Digitale Nomaden, ortsunabhängige Unternehmer als Pioniere der neuen Welt eine Vorbildfunktion für Menschen außerhalb dieser Community haben.

Die Sehnsucht ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ist für viele ein Traum. Stück für Stück werden diese Wünsche auch klassische Unternehmen erreichen. Träume werden wahr! Die Mitarbeiter stellen Forderungen und wollen neue Wege gehen. Egal ob Teilzeit, Home Office, Sabbatical oder die Kita auf dem Campus. Damit fängt alles an. Lebensläufe klassischer Querdenker werden zum Standard. Der Job neben dem Job genauso. Die freie Entfaltung der eigenen Persönlichkeit wird wichtiger als eine Chef-Position, ein Firmenwagen oder der Kickertisch in der Büroküche. Eine solche Welt ist für viele Menschen eine Utopie.

Ich glaube auch, dass es momentan nicht jedem Menschen möglich sein kann, so zu leben. Höchstwahrscheinlich will nicht jeder so leben. Viele wünschen sich eine Base, eine eingerichtete Wohnung, einen festen Freundeskreis, Sicherheit. Man muss allerdings nicht reisen oder als digitaler Nomade leben. Die Freiheit, selbst zu entscheiden, ob man heute ins Büro geht oder zu Hause arbeitet und das Schaffen dieser Infrastrukturen sehe ich als notwendig an.

Nichts desto trotz ist es die nächste Stufe der Entwicklung. Ein gesellschaftlicher Umbruch könnte uns demnächst bevorstehen. Die Debatte um den Einsatz von Künstlicher Intelligenz und den Abbau von Millionen von Arbeitsplätzen schließt genau hier an. Fridtjof Bergmann hat für uns genügend Fragen parat:

  • Was machen wir, wenn es nicht mehr genügend Arbeit gibt?
  • Was bedeutet Arbeit eigentlich?
  • Wie definieren wir uns und unser Leben?

Wir dürfen diskutieren, streiten und lernen. Eins steht fest: Von einem Digitalen Nomaden kann man eine Menge lernen. Ich hoffe sie teilen ihr Wissen mit uns!

Digitale Arbeitswelt und die Zukunft der Büros sind unter anderem auch Themen in Tims neuem Podcast, bei dem Frank die erste Folge einleiten durfte.

Foto Quelle: Depositphotos

Lebe nach deinen eigenen Regeln!

Frank Eilers
Über den Autor

Frank Eilers

Frank ist Keynote Speaker zu den Themen Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und die Zukunft der Arbeit. Er steht mehrfach pro Woche in Unternehmen oder auf Konferenzen auf der Bühne. 2014 startete er den Podcast Arbeitsphilosophen.

2 Antworten zu “Die neue digitale Arbeitswelt: Muss bald niemand mehr ins Büro?”

  1. Danke, Frank!

    Ich glaube, ich bin eine Generation weiter.
    Mein Vater hat seine Arbeit als Bestandteil seines Lebens begriffen, die ihm die Möglichkeit gab, sich selbst und seine Vorstellungen zu verwirklichen.
    In für mich riesigen Zeitdimensionen.
    Er ist Landschaftsarchitekt – das ist etwas anderes als GaLa-Bauer.

    Es brauchte mitunter 25 Jahre bis die Wirklichkeiten seinen Plänen entsprach.
    Und auf dem Weg dorthin passierte sehr viel.

    Das hat mich geprägt. Allerdings zunächst ganz anders als selbst für mich den Anschein hatte.
    Jetzt, nach knapp 30 Jahren Berufserfahrung kommt es – durch harte Arbeit daran – zum Vorschein.

    Ich möchte Dich und alle übrigen Leser daran teilhaben lassen.
    Und ja, ein Leben wie Du es beschreibst ist möglich. Ich führe es derzeit.

    Zu Deinen Worten:
    Die Welt agiert nicht.
    Und komplexes Handeln gibt es auch nicht.
    Handlungen sind einfache Ereignisse, die in einem komplizierten Ablauf (Prozess) eine Zustandsänderung herbeiführen.
    Die Auswirkungen dieser Handlung beeinflussen den Zusammenhang, den Komplex, der auch als Kontext bezeichnet wird.
    Je nachdem, worauf eine Handlung Einfluss ausübt, wirkt sie in erster, zweiter, dritter oder weiterer Ordnung.
    Vorstellbar wird das über das auch gern von mir bemühte Bild des Tropfens.
    Der Tropfen erzielt das Auftreffen auf einen Gegenstand eine Wirkung.
    Bei gleichartiger Beschaffenheit bewegt die durch den Tropfen übermittelte Energie per Impuls. Das Ergebnis ist dann in Wellenform wahrnehmbar (Expulse).
    Bei ungleichartiger Beschaffenheit, verändert sich der Tropfen anders. Wenn er auf einen kalten Stein trifft, zerperlt er. Auf einen heißen Stein …

    Die Anzahl der Einwirkungen auf den Stein über die Zeit zerkleinert ihn.
    Eindringen in Risse und ausdehnen darin sprengt ihn.
    Am Ende wird aus einem massiven Stein ein Sandkorn am Strand – oder er wird weiterverwendet im Silizium eines Intergrierten Schaltkreises, der wiederum zu einem Prozessor wird.

    Bruce Lee: „Be like water, my friend!“

    Magst Du hierauf Resonanz zeigen?
    https://commodus.org/impuls

  2. Lieber Alexander,
    vielen Dank für deinen Kommentar. Ich stimme dir zu und das mit deinem Vater ist ja auch eine schöne Geschichte mit einer großen Wirkung für dich und dein Umfeld. Wir leben gerade in einer Zeit, in der ein solchen Leben möglich ist. Wir sind privilegiert und das war vor vielen Jahren in dieser Form auch nicht möglich. Das ist mir bewusst und das sage ich auch immer wieder. Demut ist hier das Stichwort. Ich bin jedoch der festen Überzeugung, dass wir die neuen Möglichkeiten nutzen dürfen, vielleicht sogar müssen und damit andere Menschen inspirieren. Ich glaube, dass es keine Grenzen gibt. Auch ein Handwerker (o.ä.) kann neue Arbeits- und Lebensformen finden und verwirklichen. Mir geht es um das große Ganze! Wir verändern uns als Gesellschaft und ich möchte nach vorne schauen – sehr weit nach vorne. Dafür brauchen wir aber Menschen wie dich und die Mitglieder des CC. Dann wird aus der „stillen Revolution“ vielleicht eine alltägliche Evolution.
    Allerbeste Grüße, Frank

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