Um als Reisender, digitaler Nomade oder Weltenbummler in einer fremden Stadt Land und Leute am besten kennenzulernen, ist wohl nichts so gut geeignet, wie eine lange Nacht in den Bars, Clubs und Schmuddelvierteln vor Ort. Man versteht die Menschen danach besser, lernt schnell die heimischen Bewohner kennen und sieht, wie eine Stadt tickt. Daher lautet die Devise: Willst Du eine Stadt wirklich verstehen, dann stürze in Ihr ab!

Ein Party-Totalabsturz ist jedoch nicht überall leicht zu bewerkstelligen. Es gibt Orte, die schreien quasi danach, während andere Städte eher mit eingeschlafenen Füßen zu vergleichen sind. Wer Bielefeld besser kennenlernen möchte, der kann das zwar vermutlich auch in den Bars – sollte jedoch nicht mit allzu ausschweifenden Erlebnissen rechnen. Die wahren „Verschlucker“ unter den Städten haben eine dunkle Seite. Auf den Touristenpfaden bleibt sie verborgen – aber wer sie sucht, der wird sie finden. Trotzdem sind diese Städte meist sowohl von ihrer alltäglichen Seite, als auch von ihrem Nachtleben her extrem unterschiedlich. Anbei ein paar Erfahrungen, aus meinen präferierten Absturz-Städten.

Nordamerika: Los Angeles

Um einen perfekten Absturz in Los Angeles hinzulegen, muss man erst einmal in den richtigen Bars herumhängen, um dort wiederum die richtigen Leute kennenzulernen. Denn besonders in L.A. gehört zum Totalabsturz zwingend auch die Einladung zu einer Privatparty. Mit fremden Menschen kommt man in dieser Stadt jedoch sehr schnell ins Gespräch. Zurückhaltung ist in LA fehl am Platze. Jeder quatscht Jeden an. Smalltalk-City! Menschen gehen ohne Hemmungen aufeinander zu und Telefonnummern sind schnell ausgetauscht. Die (angebliche) Oberflächlichkeit der Amerikaner wird wieder ausgeglichen durch eine extreme Offenheit, auf fremde Menschen zuzugehen.

Nobody walks in L.A. Dieser Satz ist Programm in der Stadt. Ohne ein Auto geht gar nichts. Und da wir abstürzen wollen, müssen wir einen Fahrer finden, der uns mitnimmt. Üblicherweise fährt man mit dem Auto zum Club. Anstatt zuhause vorzubechern, holt man das dann einfach vor dem Club auf dem Parkplatz nach. „Car-Bar“ nennt sich das, und hat den Vorteil, dass man eine Menge Geld gegenüber den Getränkepreisen in den Bars und Clubs spart. Auch der Fahrer kann sich so ein paar Schlücke gönnen oder lässt das Auto über Nacht stehen – oder auch nicht. Blöd aber wahr: Sternhagelvoll Auto fahren ist in Los Angeles keine Seltenheit.

Der Haken an der Sache in L.A – und der Grund, warum man sich frühzeitig eine Party-Einladung besorgen sollte.: Die Clubs machen um 2 Uhr dicht. Eine bescheidene Zeit für Abstürze. Daher gilt: Wer bis 2 Uhr noch keine Einladung zur After-Party hat, der ist raus und hat verloren! Idealerweise hat man die Einladung für eine der vielen After-Parties irgendwo in den Hollywood-Hills, noch besser, wenn der Gastgeber irgendwer aus der Filmbranche ist – Vielleicht sogar ein Porno-Produzent. Action-Regisseure kann schliesslich jeder. Es muss nicht gleich eine Berühmtheit sein. Hauptsache die Villa hat einen Pool und einen Blick über die Stadt. Getränke sind umsonst. Nachdem man irgendwann bei Sonnenaufgang in den Pool gekotzt hat, wird es Zeit, nach Hause zu kommen. Aber wie? Ach, egal, einfach auf dem Rasen schlafen, bis der Gastgeber die Bullen ruft. Die fahren einen dann ins Hotel.

Asien: Hanoi

Viele hätten an dieser Stelle sicher Bangkok erwartet, denn die thailändische Hauptstadt ist eine Absturz-Berühmtheit. Aber eben genau deshalb kommt sie hier nicht vor. Bangkok ist für den Individual-Absturz einfach nicht mehr geeignet. Zu viele grölende Urlauber mit Singha-Beer T-Shirts und Flipflops rennen durch die Stadt und halten sich für Leonardo di Caprio in „the Beach“ (oder noch schlimmer: für die Typen aus Hangover 2). Wir schauen lieber rüber nach Hanoi – meiner Meinung nach mindestens genau so gut zum Absturz geeignet (jedoch etwas schwieriger). Schliesslich ist die vietnamesische Hauptstadt auch eines der Top-Backpacker Ziele und die Touri-Zahlen wachsen in die Höhe. Die Stadt kann einen auch verschlucken und dreimal durchgekaut wieder ausspucken. Man muss nur an den richtigen Orten suchen.

Wir starten an der Beer-Corner, in der Altstadt Hanois, und trinken uns einige selbstgebraute Kopfschmerz-Bier für nur umgerechnet 30 Cent das Glas. Gegen 11 Uhr geht es dann weiter in einen der umliegenden Clubs – am besten mit dem Taxi, da diese meist etwas ausserhalb liegen. In Hanoi gibt es, wie auch in Los Angeles, eine Sperrstunde. Gegen 1 Uhr machen viele Bars und Clubs bereits ihre Pforten dicht. Die Polizei besucht gerne Clubs, die sich nicht an die Sperrstunde halten. Wer schon einmal von einer vietnamesischen Polizeitruppe aus einem Club verjagt wurde, der hatte seine Ladung Adrenalin für den Abend. Juhuu.

Es gibt jedoch auch einige Ausnahmen – manche Clubs haben länger auf, vorausgesetzt der Clubbesitzer zahlt die Streifen gut. Man hat also nach 1 Uhr die Wahl: Man geht in eine der „geschmierten Bars“ in der Altstadt oder man sucht eine der zahlreichen versteckteren Bars auf, bei denen man von außen nichts von ihrer Existenz erahnen kann. Auf der Strasse herumhängen und grölen sollte man hier jedoch sicherlich nicht – außer man sucht den ultimativen Nervenkitzel und will sich zum Vollidioten machen.

Vor vielen dieser ‚geheimen‘ Bars und Clubs steht lediglich ein Wachmann, der die ankommenden Motorroller in Empfang nimmt und in den Hinterhof schiebt. Durch eine Art Lichtschleuse offenbart sich dann erst, was im Inneren abgeht. Man hat keine Chance diese Läden zu finden, es sei denn, man fragt sich durch oder kennt jemanden, der schon etwas länger in Hanoi lebt – Expats oder Locals.

Bei Sonnenaufgang trinkt man die letzten Biere in einer der schummerig-schmuddeligen Altstadt-Bars und lernt dort die wirklich spannenden Charaktere kennen. Ein Schuldenflüchtling aus Irland, der Dir sein ganzes Leben erzählt. Ein kanadisches Backpacker-Päärchen, die aus Geldmangel in Hanoi gestrandet sind, vietnamesische Zuhälter, die ihr Feierabend-Bier trinken – schnell hat man das Gefühl, das eigene Leben ist total langweilig. Zeit, das Hotel zu suchen, bevor das morgendliche Verkehrschaos startet. Vietnamesen sind Frühaufsteher und Koordinationsprobleme sind bei dem wilden Verkehr fatal.

Europa: Berlin

Berlin ist dreckig, verrotzt und wirkt irgendwie unfertig und unperfekt. Genau das ist es wohl, was den besonderen Reiz ausmacht, denn in Europa findet man solche Orte kaum bis gar nicht mehr. Wer hier ins Nachtleben abtaucht, der sollte sein frisch gebügeltes Hemd besser zuhause lassen. Schick machen heisst hier „Laissez faire“ Bloss nicht zu sehr herausputzen! Eine Nacht kann in Berlin besonders leicht mal 2 Nächte lang werden. Oft startet eine Nacht erst so richtig durch, wenn man eigentlich nur mal eben ein Bier auf der Parkbank trinken wollte.

Die Stadt hat es verdient, in diese Liste aufgenommen zu werden – auch wenn sie geografisch so nahe liegt und daher weniger Exoten-Charme bieten kann. Man muss nicht immer um den Globus fliegen, um abzustürzen, wenn das Gute so nah liegt. Um hier abzustürzen muss man sich gar nicht unbedingt in Bars oder Clubs – spontane Open Air Parties eignen sich hier auch ganz gut dafür. Das Bier ist billig, die Stimmung gut und die Parkwiese bietet ein bequemes Bett. Im Gegensatz zu Los Angeles oder Hanoi, kann man in Berlin theoretisch auch einfach mal bis mittags seinen Rausch auf der Wiese ausschlafen. Was für ein Luxus! Einziger Haken: Im Winter fällt diese Option flach. Die Stadt verwandelt sich in ein depressives Gemisch aus Schneematsch und Hundekot. Wer hier abstürzen will, der sollte im Sommer kommen!

Wer hat noch andere Städte für diese Liste zu bieten? gerne nehme ich weitere Vorschläge, inklusive der entsprechenden Texte, hier auf!

photo credit: icanteachyouhowtodoit via photopin cc

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Tim Chimoy
Über den Autor

Tim Chimoy

Tim beschäftigt sich seit 2012 mit den Themen ortsunabhängiges Arbeiten und digitales Unternehmertum. Er verdient sein Geld als Architekt, Buchautor und Berater für Neues Arbeiten und digitale Transformation. Zudem ist er Gründer des Citizen Circle. Auch wenn Tim viel und gern unterwegs ist: Sein Zuhause ist zur Zeit die Stadt Chiang Mai im Norden Thailands.

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