Ein Unternehmen ohne Werbung zu betreiben, klingt unvorstellbar. Retargeting und personalisierte Werbung bieten Möglichkeiten zur gezielten Suche und Ansprache von potentiellen Kunden. Doch durch diese Möglichkeiten bekommst Du auch die Verantwortung, die Privatsphäre deiner Kunden zu schützen.

Online-Marketing bietet reizvolle Chancen für Geschäftsinhaber. Wer würde zu hohen Konversionsraten durch zielgenaue Ansprache der Kunden nein sagen? Damit dies möglich ist, sammeln große Konzerne wie Google oder Facebook Unmengen an Daten ihrer Nutzer, um daraus Profile zu erstellen.

Immer mehr Menschen fühlen sich durch diese Datensammlungen unwohl. Denn weder der Umfang der gesammelten Daten, noch die aus den daraus gebildeten Profilen abzuleitenden Informationen sind durchschaubar. Die Verwendung der Daten für Werbung ist nur ein erster Schritt.

Indem Informationen abhängig von der Person angezeigt oder zurückgehalten werden, sind Manipulationen Tür und Tor geöffnet. Als Beispiel seien die personalisierten Google-Suchergebnisse und die Facebook-Timeline genannt.

Profile werden auch eingesetzt, um Menschen zu bewerten. Online-Daten entscheiden über die Kreditwürdigkeit, den Versicherungstarif oder den Hotelpreis. Längerfristige Konsequenzen sind gegeben, wenn die Daten zur Auswahl von Kandidaten im Bewerbungsverfahren oder bei der nächsten Beförderung herangezogen werden.

Das Verwenden von online erfassten Daten zur Manipulation oder Bewertung hat Auswirkungen auf die Privatsphäre jedes Einzelnen.

Unsere Privatsphäre ist in Gefahr

Privatsphäre bezeichnet laut Wikipedia den nicht-öffentlichen Bereich, in dem ein Mensch unbehelligt von äußeren Einflüssen sein Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit wahrnimmt. Ein großer Teil der persönlichen Entfaltung findet mittlerweile online statt. Wenn dabei jeder Schritt überwacht, erfasst und genutzt wird, um das persönliche Profil zu erweitern, wie frei und unbehelligt kann man sich dann noch entfalten? Wenn jede Aktion Auswirkungen auf die eigene Zukunft haben kann?

Edward Snowdens NSA-Leaks zeigten, wie organisierte Datensammlung und -auswertung im großen Stil funktionieren. Die Totalüberwachung durch die NSA und befreundete Geheimdienste ist nur möglich, indem Konzerne wie Google und Facebook unter anderen im Rahmen des PRISM Programms Daten ihrer Kunden ausliefern:

  • Google speichert alle Suchanfragen
  • Google Analytics wertet die besuchten Internetseiten aus
  • Facebook erstellt aus dem Verhalten ein Persönlichkeitsprofil

Erst das alles zusammen macht eine fast lückenlose Überwachung aller unserer Online-Aktivitäten möglich.

Diese Datenkonzentration über unser Online- und immer mehr unser Offline-Leben schafft eine Macht, die wir keiner realen Personen zugestehen würden. Wem würden wir alle unsere je besuchten Internetseiten anvertrauen und wem alle unsere Suchanfragen? Wem alle intimen Geheimnisse, die wir vielleicht in geschlossenen Facebook-Gruppen austauschen?

Möglichkeiten für Unternehmer

Die totale Überwachung bietet dir als Unternehmer auch große Möglichkeiten. Die von Konzernen oft kostenlos angebotenen Hilfsmittel helfen dir, deinen Kunden kennenzulernen: Google Analytics erlaubt eine detaillierte Auswertung deiner Webseitenbesuche. Und das Facebook Pixel ermöglicht eine einfache Wiederansprache der Besucher deiner Seite in dem sozialen Netzwerk.

Aber mit großen Möglichkeiten kommt auch große Verantwortung für deine Kunden und für dein Business.

Du hast Verantwortung für deine Kunden

Viele Onlineunternehmer wollen Mehrwert für ihre Kunden schaffen. Dem Kunden helfen wollen erfordert aber Vertrauen. Und inwieweit dieses gerechtfertigt ist, wenn man gleichzeitig die Daten seiner Kunden an Facebook und Google liefert, muss jeder mit sich selber ausmachen. Aber nur durch die Mithilfe vieler kleiner Unternehmen wird die totale Überwachung möglich.

Die Frage an dich als Unternehmer ist, wie weit willst du gehen? Ist das Nutzen von Google Ads und Facebook-Werbung schon zu viel, weil du damit die Angebote der datensammelnden Unternehmen nutzt? Oder ist die Grenze erst überschritten, wenn du durch Facebook-Pixel und Google Analytics zum Erfüllungsgehilfen wirst? Wenn du dadurch die Daten deiner Kunden an die Konzerne weiterleitest und damit hilfst, die Profile weiter anzureichern? Die Balance zwischen Umsatz und Privatsphäre muss jeder für sich selber finden. Es gibt aber auch Kunden, die einen verantwortungsvollen Umgang mit ihren Daten wertschätzen und umfangreiche Datensammlung auf Deiner Seite ablehnen.

Du hast Verantwortung für Dein Unternehmen

Du hast aber ebenfalls eine Verantwortung für dein Unternehmen. Die Möglichkeiten der Werbung sind verlockend. Aber alle Daten über deine Besucher stehen den Konzernen dauerhaft zur Verfügung – auch nach der Zeit deiner Werbekampagne. Und damit unter Umständen auch deinem Konkurrenten für deren nächste Werbeaktion.

Die eigene Grenze finden

Am Ende muss jeder Unternehmer für sich entscheiden, wie weit zu gehen er bereit ist. Welches letzte Quäntchen Konversionsrate man durch das Ausnutzen aller Datensammlungstechnologien aus seinen Kunden heraus quetscht. Wie viel „Der Kunde ist König“ wirklich noch gilt.

Zu verstehen, welche Risiken die eingesetzten Technologien darstellen, ist für dieses Entscheidung notwendig.

Dabei zu helfen ist meine Motivation für die Datenwache.

Onlinebusiness und Privatsphäre sind vereinbar

Überzeugter Datenschützer im Onlinebusiness – geht das? Meine Antwort ist mittlerweile ein klares Ja. Aber es erfordert Einsatz, zu verstehen, welche Technologien und Hilfsmittel es gibt. Und man muss hinterfragen, inwieweit diese Technologien Auswirkungen auf meine Privatsphäre und auf die meiner Leser und Hörer haben. Und wo meine Grenzen sind. Was ich gegenüber meinen Kunden vertreten kann und will.

Die Möglichkeit, auch solche kontroversen Themen diskutieren zu können, macht für mich den Citizen Circle aus.

Werbung wird immer erhalten bleiben und auch auf Zielgruppen angepasst sein. Es geht nicht um Schwarz-Weiß-Denken, sondern darum, die eigene Grenze zu finden und vertreten zu können. Es geht auch darum, das Privileg Privatsphäre zu schützen. Und dazu gehört „Nein“ zu sagen, wo „Ja“ einfacher wäre.

„Arguing that you don’t care about the right to privacy because you have nothing to hide is no different than saying you don’t care about free speech because you have nothing to say.“
Edward Snowden

Konkrete Tipps für die Sicherheit Deiner Daten und Deiner Privatsphäre findest Du ebenfalls auf der Datenwache.

Lebe nach deinen eigenen Regeln!

Michael Symalla
Über den Autor

Michael Symalla

Dr. Michel Symalla ist Physiker und Datenschützer. Mit Snowdens Veröffentlichungen 2013 begann er, über Datenschutz aufzuklären und Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten. Mit der „Datenwache“ vermittelt er leicht verständlich, wie Du Deine Daten und Privatsphäre im Internet schützen kann. Auf Datenwache.de findest du seinen Podcast und den Blog.

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