Jeder kennt ihn, den kleinen Kritiker in uns, der alles kommentiert und uns sagt, was wir dürfen und was wir sein lassen sollen. Er erzählt uns, dass unsere eigenen Bedürfnisse jetzt nicht wichtig sind, zieht ständig Vergleiche mit anderen, was zu Neid und Missgunst führt. Er sagt uns, dass die anderen besser sind, und sabotiert unsere Ideen. Dabei geht er ganz geschickt vor, sodass wir es nicht merken. Er lockt uns mit vermeintlichen Sicherheiten und Kontrolle.

Gehe den leichten Weg und gehe nicht über deine Grenzen, sagt uns unsere innere Stimme, die uns oft blockierende Gedankenmuster vorspielt. Es ist die Rede von Selbstzweifeln – Selbstzweifel, die unsere Potenziale sabotieren.

Auch mir standen früher meine Selbstzweifel sehr im Wege. Gerade in der Ausbildung und Schulzeit hatte ich besonders damit zu kämpfen. Damals hatte ich noch kein Rezept, wie ich mit Selbstzweifeln umgehen kann. Deshalb ging ich in den Vermeidungsmodus und nahm den vermeintlich leichten Weg, um mich meiner zermürbenden Selbstzweifel nicht stellen zu müssen. Dieser vermeintlich leichte Weg hält dich fern von deinen Potenzialen. Stellst du dich deinen Zweifel nicht, wirst du wahrscheinlich dauerhaft unzufrieden sein und ein Leben in der Mittelmäßigkeit führen.

Woher kommen eigentlich Selbstzweifel?

Unser menschliches Hirn ist so strukturiert, dass wir aus Erfahrungen und den dabei empfunden Emotionen lernen. Jeder, der kleine Kinder beobachtet, wird das feststellen. Kinder beobachten, imitieren, machen nach und verinnerlichen das Verhalten ihrer Bezugspersonen. Das befähigt uns dazu, immer wiederkehrende Dinge unbewusst, also ohne darüber nachzudenken, zu erledigen.

Bei neuen Erfahrungen schätzt unser Hirn automatisch ab, wie wir darauf reagieren müssen, um nicht in Gefahr zu kommen. Das ist grundsätzlich mal ganz positiv. Jedoch wird unser Erleben immer beeinflusst von der Vergangenheit. Das führt dazu, dass wir auf neue Erfahrungen unangemessen reagieren. Aufgrund der Erfahrungen aus der Vergangenheit laufen in unserem Gehirn unbewusst Programme ab. Da diese Erfahrungen oft negativ waren, stehen wir uns nicht selten selbst im Weg, weil tiefsitzende Ängste und übernommene Glaubenssätze uns blockieren.

So erschaffen wir uns unsere eigene Welt mit unserer blockierenden Denkweise. Gerade frischgebackene Selbstständige oder diejenigen, die es werden wollen, stehen sich oft mit folgenden Selbstzweifeln selbst im Weg:

  • Wirke ich kompetent?
  • Bin ich gut genug?
  • Schaffe ich das überhaupt?
  • Die Konkurrenz ist viel besser als ich.
  • Diesen Stundensatz bin ich nicht wert.
  • Was denken andere über mich, wenn es schief geht?

Diese „Glaubenssätze des Zweifelns“ können gerade in der Selbstständigkeit sehr schädlich sein. Wie will man einen Kunden überzeugen, wenn man selbst von seinem Angebot nicht überzeugt ist? Existenzängste führen ebenfalls zu hohen Selbstzweifeln, wenn nämlich nicht ausreichend Geld reinkommt. Auf der anderen Seite können Zweifel auch Positives bewirken. Richtig eingesetzt lassen sie uns sogar besser werden.

Mit Selbstzweifeln umgehen

Ich habe in meiner Jugend aus heutiger Sicht wohl ein ziemlich bescheidenes Bild abgegeben. Damals wusste ich noch nicht, dass das mit Selbstzweifeln zusammenhängt. Ich hatte einen mittelmäßigen Schulabschluss und eine nicht besonders beneidenswerte Lehrstelle auf dem Bau. Außerdem war ich nie so der sportliche Typ in meiner Jugend und habe mich gehen gelassen. Tief in meinem Inneren wusste ich aber: Da steckt mehr in dir … viel mehr. Irgendwann stellte ich mich meinem inneren Kritiker und begann von da an, mein Leben strikt zu ändern.

Ich habe das Laufen angefangen und habe mir dafür gleich ein Mega-Ziel gesetzt: Ich wollte einen Marathon laufen, dabei konnte ich noch nicht mal 300 Meter am Stück joggen. Da waren natürlich die Selbstzweifel groß. Je höher und außergewöhnlicher die Ziele, umso stärker sind die Zweifel. Es waren sehr starke Zweifel, aber diesmal wollte ich es wissen: Wenn ich es denken kann, dann kann ich es auch schaffen. Mit viel Kampf hab ich es dann auch nach einem Jahr geschafft, meinen ersten Marathon zu laufen.

Dieses erste Bezwingen der Selbstzweifel hat dazu geführt, dass ich mir immer mehr zugetraut habe. Es kamen im Laufe der Zeit noch ca. 40 Ultramarathons, einige 100-Kilometer-Läufe, ein Ironman und einige andere verrückten Sachen dazu. Das Überwinden dieser sportlichen Zweifel haben mir auch beruflich sehr weitergeholfen, bestimmte Dinge durchzuziehen. So habe ich mein Abi nachgeholt, nebenberuflich zwei Studienabschlüsse absolviert und wurde nach kurzer Zeit in die Geschäftsleitung befördert. Dennoch: Auch heute noch habe ich oft Zweifel. Der einzige Unterschied zwischen damals und heute ist der Umgang damit.

Heute sehe ich Selbstzweifel nicht mehr als etwas Negatives. Sie gehören zum Leben dazu, und wenn mein Hirn in der Lage ist, mir Selbstzweifel zu liefern, dann ist es auch in der Lage, sich dieser zu stellen und diese Selbstzweifel in Selbstbewusstsein zu transformieren.

Selbstzweifel überwinden: 5 Methoden

Methoden, die für mich in dieser Hinsicht sehr gut funktionieren, möchte ich euch hier kurz vorstellen.

1. Achtsamkeitstraining

Mein wichtigstes Tool, um Selbstzweifel zu überwinden, ist Achtsamkeitstraining. Ich versuche, bewusst meinen Fokus auf das Hier und Jetzt zu lenken. Hierzu meditiere ich mal regelmäßig mal unregelmäßig, aber mindestens 20 Minuten am Tag. Viele Menschen tun sich schwer mit Meditieren, wenn sie still sitzen und auf den eigenen Atem achten sollen; so einfach es sich anhört, so schwierig kann es in der Praxis sein. Wenn du einfach keine Meditation magst, dann gehe in die Natur. Bereits 20 bis 30 Minuten genügen, um dich mehr zu dir selbst zu bringen. Werde dir deiner selbst bewusst. Davon leitet sich auch das Wort Selbstbewusstsein ab. Selbstbewusstsein ist das Gegenteil von Selbstzweifeln.

2. Mach mal was anders

Die Gedankenschleifen, in die man im Zweifeln gerät, können endlos sein. Es kann sogar so weit kommen, dass du nachts nicht mehr schläfst und all dein Denken sich mit einem einzigen Thema beschäftigt. Mach was anderes: Steckst du z.B. in einem Projekt fest und kommst nicht weiter, weißt nicht ob du es schaffst – dann mache dein Projektbuch zu, auch wenn viel ansteht. Mach etwas, was du bisher noch nie getan hast, stehe früher auf, gehe später ins Bett, gehe in die Natur, schlafe in einem Zelt. Dies kann eine Brücke sein zu dem Ziel, aus deinem alten Denkmuster herauszukommen, denn dein Hirn wird dann dazu gezwungen, neue Synapsen zu bilden. Das löst den einen oder anderen Denknoten, du wirst sehen!

3. Töte den Perfektionisten in dir

Gerade Menschen, die überdurchschnittliche Leistungen erbringen, sind oft von Selbstzweifeln betroffen. Sie neigen dazu, alles perfekt machen zu wollen, um ihren inneren Kritikern nicht Recht geben zu müssen. Dies kostet wahnsinnig viel Energie und vor allem Zeit. Versuche zu relaxen und zwinge dich dazu, auch mal nur mit 80% zufrieden zu sein. Es wird dich frei machen und dir Energiereserven geben für den Zeitpunkt, wenn es mal wirklich drauf ankommt, Vollgas zu geben, und die Zweifel am größten sind.

4. Schreib dir deinen „Mindfuck“ auf

Die meisten sorgenvollen Gedanken, die wir so in unserem Hirn von A nach B schieben, haben nichts mit der Realität zu tun. Unser Hirn bastelt sich ausgehend von einem oft toxischen Cocktail aus schlechten Erfahrungen und Stimmen aus unserem Umfeld ein negatives Zukunftsszenario über uns selbst. Dieses Bild ist aber nur in unserem Kopf. Trickse dich selber aus und schreibe dir deine Selbstzweifel auf. Jetzt hast du die Möglichkeit, jeden einzelnen Zweifel zu analysieren und zu bewerten. Stimmt es wirklich, was mir mein Hirn vorgaugelt, oder spielt es mir nur einen Streich? Früher habe ich nicht verstanden, warum man Tagebuch schreibt, heute weiß ich es zu schätzen, wenn ich meine Gedanken von vor ein paar Jahren wiederfinde und drüber schmunzeln kann.

5. Das Worst-Case-Szenario

Wenn dir deine Selbstzweifel mal wieder richtig auf den Zeiger gehen, dann mal dir im Kopf bewusst alles schwarz. Was ist das Schlimmste, das passieren kann?

  • Vielleicht bekommst du den Auftrag nicht.
  • Du blamierst dich bei einer Präsentation.
  • Du musst dir einen Job suchen, weil deine Selbstständigkeit scheitert.
  • Dein Umfeld sieht dich als Versager oder Spinner.

Ist das alles wirklich so schlimm? Wenn man bewusst mal durchspielt, was schlimmstenfalls passieren kann, wird man feststellen, dass, wer sich seinen Selbstzweifeln wirklich stellt und seine Ideen wirklich durchzieht, gar nicht viel zu verlieren hat. Ich denke, es gibt wenig erstrebenswerte Alternativen zu einem selbstbestimmten Leben, in dem man sich seinen Ängsten und Zweifeln stellt.

In unserer Artikelreihe „Selbstzweifel besiegen“ erzählen unsere Mitglieder aus ihrer Perspektive, warum Selbstzweifel entstehen und wie sie damit umgehen.

Bisherige Artikel:

Lebe nach deinen eigenen Regeln!

Jörg Grimm
Über den Autor

Jörg Grimm

Jörg Grimm ist kaufmännischer Leiter, Personalleiter und Wirtschaftsmediator. Das harmonische Zusammenwirken von Organisationen, Prozessen und menschlichen Bedürfnissen steht für ihn im Fokus. Sein Motto “Wertschätzung schafft Wertschöpfung”. Du findest ihn auf joerggrimm.de

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