Wahrscheinlich beginnt jeder, der in die Selbstständigkeit startet, mit einer Idee. Einer Idee, die mit dem eigenen Können und den eigenen Fähigkeiten in Verbindung steht. Etwas, das uns antreibt, etwas, das wir richtig gut können. Doch kaum einmal haben wir diese Idee wirklich gesponnen, ausgewalzt und dann auch in ein zu unserem Leben passendes Geschäftsmodell gebogen, sind sie plötzlich da: die Gedanken, das Kopfkino, die Selbstzweifel.

Die innere Stimme, die da kritisch spricht: “Kannst du das überhaupt verkaufen? Interessiert das irgendwen? Kannst du so deine Miete bezahlen? Ausgerechnet du? Du sprunghafter Mensch, der sowieso nichts zu Ende bringt? Und überhaupt, alle anderen sind ohnehin besser, schau dir nur ihre Instagram Accounts mal an… Geh arbeiten, du Träumer”

Woher kommen Selbstzweifel und ein geringer Selbstwert?

Okay, vielleicht atmen wir hier einmal tief durch und schütteln den inneren Kritiker aus diesem Text. Schieben ihn kurz einmal beiseite und fragen uns lieber, woher die Selbstzweifel eigentlich kommen. Tatsächlich ist es gar nicht so leicht zu beantworten.

Die Gründe für Selbstzweifel sind vielfältig. Häufig treten sie in Kombination aus verschiedenen Punkten auf. Das sind beispielsweise negative Vorerfahrungen mit der Selbstständigkeit. Vielleicht bist du schon einmal in der Lage gewesen, dass du eine starke Idee und ein starkes Konzept hattest und es nicht umsetzen konntest. Dies wird die Selbstzweifel schüren. Vielleicht kommst du aus einer Familie von Angestellten und fragst dich, wieso ausgerechnet du jetzt der oder die erste sein willst, der diese “Tradition” durchbricht? Schlussendlich wird hier jeder selbst für sich eine Antwort finden, wieso er an sich selbst zweifelt.

Wie hängen Selbstzweifel und Selbstwert zusammen?

Darüber hinaus frage ich mich durchaus, ob nicht genau die oben beschriebene Selfie-Kultur, das Posen auf Social Media, die so stark zur Schau gestellte Selbstsicherheit, in Wirklichkeit die höchste Form von Selbstzweifel ist?

Diese permanente Selbstüberwachung des Ich’s, nur um aller Welt zu beweisen, dass man alles im Griff hat und alles in Ordnung ist. Denn wer sich permanent im Äußeren bestätigen lässt, der muss ja an sich total in Ordnung sein und darf sein Glück genießen. Der Daumen hoch beseitigt hier die letzte Reste an Selbstzweifeln mit nur einem Klick. Schöne neue Welt.

Letzten Endes ist der Selbstwert dafür verantwortlich, dass Selbstzweifel ausgelöst werden. Denn ist dieser zu niedrig, gehen wir dazu über, uns selbst permanent abzuwerten und gehen nicht mehr gut mit uns um. Der Selbstwert beschreibt die Bewertung, die wir an uns selbst vornehmen. Also wie wir mit uns umgehen, wie wir mit uns selbst sprechen – nach innen, wie nach außen. Besonders dann, wenn wir negativ mit uns umgehen und uns permanent abwerten, sorgen wir dafür, dass sich diese Behandlung auch nach außen zeigt und die eigene Bewertung auch in den eigenen Ergebnissen bestätigt wird.

Guter Umgang mit Selbstzweifel

Doch wie gehen wir mit unseren Selbstzweifeln um? Wie können wir den inneren Kritiker zum Schweigen bringen? Um langfristig mit Selbstzweifeln besser umzugehen und sich nach und nach von ihnen ein wenig zu lösen, ist ein guter/höherer Selbstwert die Basis. Nach wissenschaftlicher Definition, gibt es sechs verschiedene Bestandteile für einen guten Selbstwert. Diese wollen wir uns hier einmal näher anschauen.

  • Ein bewusstes Leben führen
  • Für sich selbst und das eigene Handeln Verantwortung übernehmen
  • Sich selbst behaupten
  • Ein authentisches und kongruentes Leben führen
  • Sich Ziele setzen
  • Sich selbst akzeptieren

Ein weiterer positiver Aspekt eines guten Selbstwertes ist die Förderung von Gesundheit. Der gute Umgang mit dem eigenen Selbst und die damit verbundene positive Selbstbetrachtung sorgen für eine starke Resilienz. Sie ist die Flexibilität, die wir benötigen, um erfolgreich Krisen und schwierige Situationen in aktiver Art und Weise zu meistern.

Ein gutes Bild von uns selbst bedeutet, dass wir in diesen Krisen unseren eigenen Fähigkeiten vertrauen können und diese nicht hinterfragen müssen. So schützen wir uns vor Zweifeln, die uns möglicherweise zerbrechen lassen. Dies mindert den Stress und steigert die Fähigkeit Lösungen zu finden.

Bereits ein schneller Blick auf diese sechs Punkte verdeutlicht, dass wir es hier mit Aspekten zu tun haben, die im Rahmen einer Selbstständigkeit förderlich sind. Kein Selbstständiger kommt an ihnen vorbei, wenn er ein eigenes Business entwickelt oder weiterentwickelt.

Wie erreichen wir einen hohen Selbstwert?

Schauen wir tiefer hinein, dann wird deutlich, dass es natürlich nicht ganz so leicht ist. Die Frage nach dem Wie wird dabei zum Königsweg. Wie also beschreiten wir diese Punkte, wie erreichen wir einen möglichst hohen Selbstwert?

Ein bewusstes oder gutes Leben zu führen, beschäftigt den Menschen schon seit Jahrtausenden. Überhaupt die Auseinandersetzung mit der Frage, was ein solches “gutes Leben” eigentlich ausmacht, ist ein Anfang. Wenn wir uns den Alltag, die Arbeit und das Leben bewusst machen, wird uns klar, was eigentlich wichtig für uns ist.

„Ich weiß wohl was ich fliehe, aber nicht was ich suche.“ (Michel de Montaigne)

Setze dir Ziele, die du erreichen kannst. So steht es in so ziemlich jedem Ratgeber rund um das Thema Selbstständigkeit. Vielleicht setzt du dir Ziele, die du erreichen willst und kombiniert sie mit Zielen, die du vermeiden willst. Eine gute Kombination aus Zielen, die dich anziehen und Zielen, die dich abstoßen; möglichst realistisch. Alles ganz einfach… vielleicht doch nicht?

Heben wir nun also das Bewusstsein auf eine weitere Stufe und übernehmen wir Verantwortung für unsere Handlungen. Erkennen wir wofür wir in unserem Leben verantwortlich sind und wofür nicht. Behaupten wir diese Erkenntnisse gegenüber unseren inneren Zweifeln und äußeren Zweiflern.

Weiter heißt es in der Aufzählung oben “authentisches und kongruentes” Leben. Auch hier wird die Schwierigkeit deutlich, die sich hinter diesem Konzept verbirgt. Bevor wir überhaupt dieses Leben leben können, müssen wir uns erst einmal über uns klar werden. Unser Wesen frei schälen von äußeren Erwartungen und inneren Glaubenssätzen.

Und zuletzt da steht die Akzeptanz des eigenen Ich. Sich selbst so zu mögen und zu lieben, wie man ist und nicht wie einen andere sehen wollen.

So wird uns eines schnell deutlich: es ist ein lebenslanges Arbeiten am Selbstwert und den Selbstzweifeln nötig; vollkommen gleich, ob es im Rahmen einer Selbstständigkeit geschieht oder nicht. Doch gerade dann, wenn wir wirklich selbst handeln und die volle Verantwortung übernehmen, kommen wir an dieser Gratwanderung nicht vorbei.

Wofür sind Selbstzweifel gut?

Gleichwohl wir nun ein bisschen mehr über unsere Selbstzweifel wissen und einen besseren Zugang dazu haben, sind diese natürlich immer noch da. Selbstzweifel gehören zum Leben dazu und in richtigen Dosen sind sie sicherlich auch in jedem Prozess wichtig. Denn bevor sich Selbstzweifel zu einer Selbstabwertung verfestigen, können sie durchaus hilfreich dabei sein, das eigene Handeln zu hinterfragen. Nur dann, wenn wir uns permanent selbst Fragen stellen und uns selbst hinterfragen, werden wir zu neuen Lösungen kommen. Wenn dies in einer guten Art und Weise geschieht, spricht wenig gegen Selbstzweifel. Vielmehr sehe ich sie so als die richtige Dosis für ein gutes Weiterkommen und eine gesunde Weiterentwicklung.

Nur in der Auseinandersetzung mit dem Zweifel, bewegen wir uns vorwärts und überwinden diese Selbstzweifel auch erfolgreich. Tun wir also die Dinge, die uns am meisten Zweifeln lassen, wird der Gewinn wahrscheinlich auch am höchsten sein.

In unserer Artikelreihe „Selbstzweifel besiegen“ erzählen unsere Mitglieder aus ihrer Perspektive, wie mit Selbstzweifeln umgehen und welche Strategien ihnen besonders gut dabei helfen, Selbstzweifel positiv zu nutzen

Bisherige Artikel:

Lebe nach deinen eigenen Regeln!

Ties Lange
Über den Autor

Ties Lange

Ties beschäftigt sich leidenschaftlich gerne mit Themen wie Stress, Resilienz und wie man mit Wandel und Krise in einen guten Umgang findet. Seine Erfahrungen und Gedanken verarbeitet er aktuell u.a. in einem Buch. Mehr dazu wird sich in Kürze auf Stresslieben.de finden.

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