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Digitale Nomaden: Die dunkle Seite der Freiheit

Es wird Zeit, die rosarote Brille in Bezug auf das Leben als digitaler Nomade einmal abzunehmen. Ich wage heute einen Blick in die Tiefen der digitalnomadischen Abgründe. Ausnahmsweise kommt dieser Blick diesmal von Jemandem, der auch ortsunabhängig lebt. Kann ja bei der Perspektive zuträglich sein.

Viele, die sich aufmachen, um als digitale Nomaden durch die Welt zu flitzen, gehen anfänglich davon aus, dass sie ihren grauen Alltag hinter sich lassen und in eine Welt voller Regenbögen und Einhörner eintauchen. So ging es mir auch.

Wir vergessen dabei aber häufig, dass wir uns selbst, unsere Charaktereigenschaften, unsere psychischen und physischen Schwachstellen, sowie all unsere Ängste und Sorgen immer mitnehmen. Ein Ortswechsel lässt dies Probleme für eine Weile vergessen, aber sie kommen wie ein Boomerang zurück, und treffen uns dann um so härter.

Routinen außerhalb der Routine

Die Probleme bleiben. Aber Routinen, die man zuhause entwickelt hat, und die bis dato immer gut geklappt haben, sind plötzlich weg. Sie sind unterwegs sehr schwer zu etablieren und ohne diese kommen einige Menschen völlig aus dem Takt, werden unproduktiv und lassen sich hängen. Es ist mühevoll und dauert lange, zu lernen, wie man Routinen etablieren kann, wenn man häufig den Ort wechselt.

Viele wollen den Routinen entkommen und finden gerade darum das ortsunabhängige Leben so spannend. Mir geht es auch so. Routinen werden für mich schnell langweilig. Ich muss immer wieder aus ihnen ausbrechen. Aber die Wahrheit ist: So verrückt das auch klingen mag, man muss sich Routinen innerhalb der Routinenlosigkeit schaffen.

Wenn nicht bezogen auf den Ort, dann bezogen auf die Zeit. Wenn nicht bezogen auf den gesamten Tag, dann zumindest am Morgen und Abend. Es tut mir fast ein bisschen weh das zu sagen, aber Routinen sind unerlässlich für digitale Nomaden, die ein erfolgreiches Business aufbauen oder steuern möchten.

Aber da hört es noch nicht auf. Nicht zuletzt kommt eben auch das Geld nicht von allein. Die Sorgen darum aber kommen gewiss, wenn keines mehr da ist. Und eben jene Geldsorgen verschwinden nicht einfach, wenn man das gleiche Einkommenslevel erreicht hat, dass man in seinem letzten Job hatte.

Als Selbstständiger ist es unerlässlich, langfristig deutlich mehr zu verdienen, als man es im letzten Job getan hat. Man muss fürs Alter sparen, ins Business reinvestieren können, Freelancer bezahlen, Steuern bezahlen, und so weiter. All dieses Geldmanagement kann einem Sorgen machen.

Die meisten Selbstständigen legen diese Existenzsorgen nie komplett ab, denn die eigene Wahrnehmung verschiebt sich mit steigenden Einnahmen ja auch. Wann ist man schon „sicher“? Man muss lernen, mit diesen Sorgen zu leben und sie nicht mit ins Bett zu nehmen.

Die Downsides der persönlichen Freiheit

Es gibt sie, die dunkle Seite des ortsunabhängigen Lebensstiles. Nicht nur auf Businessebene, auch im Privaten.

Sie mag bei jedem Menschen etwas anders aussehen, aber sie ist bei uneingeschränkt jedem Nomaden erkennbar. Absolut niemand lebt in einer funkelnden Regenbogenwelt, aber Jeder stellt sich gern nach Außen so dar. Das liegt in der Natur des Menschen, und natürlich somit umso mehr in der Natur des Bloggers (ein Grund, warum Facebook so erfolgreich ist).

Es gibt digitale Nomaden, die so viel Arbeiten und reisen, dass man sich fragt, wann der erste Herzinfarkt kommt. Es gibt Nomaden, die auch nach Jahren ihre Existenzängste nicht in den Griff bekommen haben und schlecht schlafen.

Ich kenne Nomaden, die ihre innere Ruhe völlig verloren haben und wirken, als wären sie auf Speed. Nomaden, die das hohe Maß an Freiheit nicht verkraftet haben und zu Alkoholikern geworden sind oder andere Mittelchen schlucken.

Nomaden, deren soziale Kontakte sich auf Facebook und Tinder beschränken und die ihre Aufenthaltsorte wie McDonald-Menüs konsumieren, ohne sich mit den Menschen vor Ort auseinanderzusetzen.

Zugegeben, dass sind alles extreme Beispiele. Aber es gibt sie. Weltweit, auch hier im Nomadenhotspot Chiang Mai sind sie zu beobachten. In den Cafés, den Bars und den Coworking Spaces. Getriebene, Verunsicherte, Mittellose, Heimatlose. Aber natürlich stehen diesen auch Glückliche, Selbstbewusste, in sich Ruhende gegenüber. Alles vertreten. Wie im wahren Leben!

Wie jede Entscheidung, ist auch die Entscheidung für einen ortsunabhängigen Lebensstil ein Trade-Off. Es gibt sehr viele positive Aspekte. Aber ein hohes Maß an Freiheit erfordert auch ein hohes Maß an Eigenverantwortung.

Blick auf mich selbst

Wenn ich auf mich selbst schaue, bin auch ich in den letzten 5 Jahren durch viele Höhen und Tiefen gegangen. Existenzängste, Rastlosigkeit, innere Unruhe, Verlust von Freundschaften. Ich habe vieles von dem oben beschriebenen selbst durchlaufen. Immer mit der Hoffnung und dem Antrieb, das alles irgendwann hinter mir zu lassen. Nicht oft, aber hin und wieder, holen auch mich Dinge davon wieder ein.

Nicht nur digitale Nomaden, auch andere Selbstständige und Unternehmer kennen diese Sorgen und Probleme. Es sind innerhalb dieser Gruppe recht typische Probleme. Die Ortsunabhängigkeit macht diese nicht besser. Manche Probleme verstärkt sie nur noch mehr.

Am Anfang hat man ständig Angst, dass nicht genug Geld reinkommt. Man buckelt sich den Rücken vor dem Laptop krumm. Arbeitet 12, 13 Stunden. Kann nicht schlafen.

Irgendwann läuft es dann etwas besser. Aber die anfänglichen Schwierigkeiten sitzen noch tief. Man arbeitet weiter hart, gönnt sich keine Pause. Plötzlich sagt der Körper dann: Stopp.

Man hört auf seinen Körper, aber fällt ins nächste Extrem. Arbeitet kaum noch. Schließlich findet man plötzlich Gefallen am vielen Reisen.

Das Ersparte ist nach einer Weile wieder geschrumpft. Man steht am Anfang, arbeitet diesmal noch härter, hat sich aber an das viele Reisen so sehr gewöhnt, dass man nun 14 Stunden arbeitet und alle 3 Wochen den Ort wechselt. Stresspegel 100 Prozent.

Irgendwann hat man finanziell den Bogen raus, es kommt ordentlich etwas herein. Man kann eine nette Summe zurücklegen. Alles scheint gut zu laufen. Wäre da nicht die Tatsache, dass man sich schon so sehr an diese Rastlosigkeit und den hohen Arbeitspegel gewöhnt hat. Man könnte nun auch mal einen Gang zurück schalten, aber tut es nicht. Schließlich stecken einem die schlechten Zeiten noch im Blut.

Abends ein Buch lesen, Laufen gehen oder mit Freunden auf dem Balkon sitzen und über Belanglosigkeiten klönen und lachen? Gar nicht so leicht, sich dazu durchzuringen. Der Laptop ist doch so nah und es gibt noch so viel zu tun.

Man realisiert, dass es Zeit ist, wieder mehr zu leben. Zur Ruhe zu kommen. Auf die Bremse zu treten. Aber wie schafft man das, ohne wieder ins andere Extrem zu verfallen?

Man erinnert sich an den Geruch des Meeres, Fahrradtouren und das Gefühl von Langeweile. So schlimm war die Langeweile im Leben gar nicht. Und auch Sonntag Nachmittage eingemümmelt vor dem Fernseher zu verdödeln und Hollywood Schinken zu gucken – das hatte doch was.

Zwar hat es nicht den Intellekt erweitert oder das Business skaliert, aber es hat entspannt. Hat sich wohlig angefühlt.

Zeitoptimierung und Zeitmanagement. Effizienz. Pomodoro-Technik. Ein schlechtes Gewissen, Zeit zu vertrödeln. Nicht jeder digitale Nomade ist auf totale Effizienz getrimmt, aber dieser Trend ist in der Szene vorhanden und er ist mit Vorsicht zu genießen.

Die Mitte zwischen den Extremen zu finden ist gar nicht so leicht. Die Mitte. Was ist die Mitte? Wo ist mein gesunder Wohlfühlpunkt? Wo kann ich endlich ankommen? Runterkommen! Einen stabilen Rhythmus aufnehmen.

Zuhause, Heimat, Bindungen und Co

Als digitale Nomaden bewegen wir uns von Ort zu Ort und genießen die Freiheit, jederzeit wieder losziehen zu können, wenn uns das Fernweh packt. Für die Wenigsten ist dieses Konzept aber tatsächlich eine Dauerlösung.

Die wenigsten Nomaden peilen langfristig eine Karriere als Eremit an, sondern sind einfach nur abenteuerlustig.

Immer nur an einem Ort zu verharren erscheint irgendwann fast undenkbar. Trotzdem sehnt man sich irgendwann nach festen Bezugspunkten. Wer den digitalnomadischen Lebensstil, beispielsweise als Perpetual Traveller, dauerhaft auf die Spitze treibt und nicht irgendwann den Absprung schafft, wird jedoch unweigerlich in der zweiten Lebenshälfte zum Einsiedler, davon bin ich überzeugt.

Einsiedler sind Menschen, die mit ihrem Gedankengut oder ihrer Lebensweise sich (aus freien Stücken) einsam etablieren, egal ob geographisch, gesellschaftlich oder mental. Einsiedler zu werden kann eine bewusste Entscheidung sein und wer sie trifft, dem wünsche ich alles Glück der Erde. Aber man muss sich der Tragweite bewusst sein.

Anders verhält es sich noch mit 20 oder 30. Ein Leben als Dauerreisender heißt nicht, Abstriche bei den sozialen Kontakten zu machen. Aber wenn die Sturm und Drang-Zeit sich dem Ende nähert, dann sehnt man sich nach echten Verbindungen. Familie. Egal, in welcher Form. Egal, ob Bilderbuchfamilie, Regenbogenfamilie oder Nomadenfamilie.

Trotzdem heißt ein ortsunabhängiger Lebensstil nicht, dass man irgendwann zwangsläufig in seine 2-Zimmer Wohnung irgendwo in Deutschland zurückkehren, sich eine Küche kaufen und das vorherige Leben als „eine Phase“ abtun muss. Dieses Schwarz- und Weiß-Denken stößt mir häufig auf. Warum nicht auch hier die Mitte suchen? Wo auch immer die persönliche Mitte liegt.

Auch ich habe diese Mitte noch nicht gefunden, aber ich spüre, wie ich mich über die letzten Jahre dieser Mitte immer weiter annähere. Dieses Gefühl beruhigt mich.

Die Freiheit, selbst zu entscheiden, wann und wo man einen Anker wirft

Schließlich gilt gerade als Nomade: Einmal wirklich frei in der Wahl des Aufenthaltsortes kann man sich sein Zuhause frei wählen. Kann sogar mehrere davon haben. Kann sein Zuhause auch, statt sich geografisch festzulegen, vielmehr an Menschen festmachen.

Menschen sind Rudeltiere. Auch mit einem zuhause (oder mehreren) kann man noch Reisen. Ortsunabhängigkeit ist letztendlich reine Kopfsache und hat nichts damit zu tun, viele viele Kisten irgendwo in Kellern stehen, ob du einen Mietvertrag hast oder nicht, in Deutschland gemeldet bist oder eine Miles and More Karte hast.

Es geht hier nur um dich und die Dinge, die dir helfen, ein Leben nach deinen Wünschen zu gestalten. Höre in dich! Was willst du eigentlich?

Viele Freiheiten = Viel Dummheiten

Ein ortsunabhängiger Lebensstil bedeutet ein Maximum an Freiheit. Man kann sein Leben frei gestalten. Selbst entscheiden, wann, wo und wie man arbeitet, solange Geld hereinkommt.

Das bedeutet aber auch, dass man sein Leben kräftig vor die Wand fahren kann. Jeden Abend feiern gehen kann. Sich ständig einsam fühlen kann. Entwurzelt fühlen kann. Depressionen bekommen kann. Panik bekommen kann.

Ein Leben mit maximaler Freiheit erfordert eine maximales Maß an Eigenverantwortung. Ein entwurzeltes Leben erfordert Selbstvertrauen.

Wer auf wackligen Beinen steht, psychisch instabil ist, der sollte nicht die Rettung im Leben als digitaler Nomade suchen, sondern lieber einen großen Bogen um diesen Lebensstil machen und sich erst einmal um das eigene Innere kümmern, bevor man die Rettung in der weiten Welt sucht.

Da kann Julia Roberts in Eat Pray Love noch so viel auf Bali herumspazieren: Sich selbst zu finden erfordert kein ortsunabhängiges Leben, sondern vor allem eine Menge gesunder Selbstreflexion. Dazu braucht man nicht den indischen Ozean, das geht auch am Dortmunder Baggersee.

„Und nun? Genug abgekotzt, Tim?“

Ich will eigentlich gar nicht mit dem Zeigefinger herumwedeln. Ich will dir nur einen Einblick in die Realität geben. In meine letzten 4 Jahre. In das, was ich bei anderen Nomaden beobachten konnte. Ungeschminkt.

Es gibt hier keine Regenbögen und Einhörner.

Mehr Freiheit, ja, die gibt es. Aber sicher nicht weniger Probleme. Ortsunabhängigkeit ist nur eine größere Leinwand. Mehr Platz für deine Ideen und Träume. Aber das Bild, das musst du immer noch selbst malen. Und wenn du nicht malen kannst, dann wird das Bild durch eine größere Leinwand sicher nicht schöner.

Ich liebe den ortsunabhängigen Lebensstil und lebe ihn sicher weiterhin. Mal stärker, mal schwächer, so wie es in meine Lebenssituation passt. So, wie es meine Lebenssituation und ich gerade brauchen.

Vermutlich werde ich bald wieder sesshafter. Ich sehne mich ein wenig danach. Aber nicht so sesshaft, wie die meisten Menschen sesshaft verstehen. Trotzdem viel unterwegs. Multilokal. Dort, wo Menschen sind, die mich vom Flughafen abholen.

Ich will dir mit diesem Artikel nicht den Weg zum digitalen Nomaden madig machen. Auch will ich niemandem seine Lebensentscheidungen kaputt reden. Ich will dir aber aufzeigen, dass es hier kein „ganz oder gar nicht“ gibt. Kopiere nicht blind das, was andere dir vorleben. Hinterfrage die Regenbogenkulisse. Höre auf dich selbst und auf deine Ängste. Stelle dich ihnen, aber übertreibe es damit auch nicht.

Und wenn du Metaphern genau so magst wie ich, dann nimm diese doch gleich auch noch mit: Ein Lebensstil als digitaler Nomade ist nicht dein Ticket ins Paradies. Es ist der Beginn einer Fahrt mit ungewissem Ziel. Wo du am Ende ankommst, liegt an dir.

Ich würde diese Fahrt jedenfalls jederzeit wieder aufnehmen!

Update September 2016: Mittlerweile habe ich wieder ein festes Zuhause. Eine Entscheidung, die sich bisher als sehr positiv heraus gestellt hat. Nach einigen rastlosen Jahren, ist es für mich persönlich die richtige Entscheidung, jetzt wieder „anzukommen“. Die Ortsunabhängigkeit möchte ich mir aber natürlich trotzdem dauerhaft bewahren. Jederzeit Reisen zu können und den eigenen Tag freier planen zu können, diese Freiheiten möchte ich nie wieder missen.